Herbert Fritschs „Fliegender Holländer“ an der Komischen Oper: Was für ein Quatsch!

Der Regisseur kündigt an, Wagner ins Kinderzimmer zurückholen zu wollen. Nun hört man diese Inszenierung ständig kichern.

Daniela Köhler als Senta und Ensemble in „Der fliegende Holländer“ in der Komischen Oper Berlin
Daniela Köhler als Senta und Ensemble in „Der fliegende Holländer“ in der Komischen Oper Berlinwww.imago-images.de

Der Publikumserfolg des neuen „Fliegenden Holländers“ an der Komischen Oper ist ein Überdrussphänomen. Der Regisseur Herbert Fritsch verspricht allen, die unter vermeintlich oder tatsächlich überinterpretierenden Inszenierungen in der Oper leiden, Linderung: Lasst uns eine gute Zeit haben, ist doch ohnehin alles irgendwie alberner Quatsch. „Der Mythos um Wagner und seine Werke ist von gnadenlosem Ernst überfrachtet. Ich wollte den Wagner ins Kinderzimmer zurückholen. Die Geschichte des Holländers ist wie eine Kindergeschichte, wie ein Märchen“, gibt Fritsch im Programmheft kund.

Dem ersten Satz ist zuzustimmen. Beim zweiten fragt man sich: Warum „zurück“ ins Kinderzimmer? Beim dritten denkt man: Ach so, ja, gewiss, aber interessant ist doch, dass das im Stück auch vorkommt. Senta hat man in ihrem Kinderzimmer ein paar Mal zu oft die Legende vom fliegenden Holländer erzählt, sein Bild hängt in der Stube – aber dann tritt diese Legende in die Wirklichkeit und erweist sich als wahr. Die Oper „ins Kinderzimmer zurückzuholen“ hieße also, den skandalösen Eintritt des Imaginären ins Reale zu unterschlagen. Und ist das Kinderzimmer nur der Ort alberner Unbeschwertheit oder nicht auch der einer Entwicklung, des Erwachens, in dem man sowohl das erste Mal Liebe als auch Sterblichkeit empfindet, von dem man die Eltern zunehmend ausschließt?

Man hört die Inszenierung schon wieder kichern, wie „gnadenlos ernst“ diese Überlegungen wohl sind, aber Himmel, was steckt alles in diesem Jugendwerk! Wagner gibt hier mit wachem Instinkt, aber noch ohne spätere ideologische Schlagseiten, ohne mythische Verbrämung und ohne musikalische Drogenwirkungen seine Eindrücke von Mensch und Welt wieder. Fritsch fährt da mit dem Panzer drüber, und dann wird natürlich alles platt und Differenzen fallen weg. So auch die zwischen dem, was Wagner satirisch und was er ernst meinte, was er als gedankenlos darstellte und was als gedankenvoll: Alles geht im selben bösen Gelächter unter. Wer sich von Comedians die Welt erklären lässt, muss seine Rezeptionsgewohnheiten in der Oper nicht mehr herausfordern – wie praktisch.

Peinlich rockende Bewegungen auf der Opernbühne

Während man das denkt, hört man die Inszenierung schon wieder kichern: Lasst uns eine gute Zeit haben, ist doch ohnehin alles alberner Quatsch! Ja, natürlich ist die Geschichte eines Mannes, der durch die ewige Treue einer Frau erlöst werden muss, alberner Quatsch. Das kurze Bild im großen Duett, in dem der Holländer auf Sentas Schoß schaukelt, ist dafür ein überaus treffender Ausdruck. Er enthüllt, dass Wagner eine Krise hergebrachter männlicher Autorität heraufkommen spürt. Sentas Vater Daland etwa versagt in seiner Rolle als Hüter seines Kindes, indem er sie einem hergelaufenen Kollegen ohne weitere Nachfragen zur Frau gibt, wenn der nur genug auf der Tasche hat. Und Sentas eigentlicher Verlobter Erik, der einzig aufrichtige und intelligente – und von der Regie immer wieder als gefühlige Nervensäge verratene – Mensch in dem ganzen Stück, ist ein durchsetzungsschwacher Träumer. Hat Fritsch in dem einen Moment mitten im Geblödel etwas entdeckt, lässt er Senta und den Holländer im nächsten wieder rhythmisch mit den Füßen schaukeln – kann man derlei peinlich rockende Bewegungen nicht endlich auf der Opernbühne ächten?

Der fliegende Holländer in der Komischen Oper Berlin. Romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner. 
Der fliegende Holländer in der Komischen Oper Berlin. Romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner. www.imago-images.de

Die Gay-Revue der Matrosen zu Beginn, ihr Comic-haftes Hin-und-Hergeweht-Werden im Sturm lässt man sich noch gefallen, das Alberne kann noch zur Folie des sehr Ernsten und Tragischen werden. Doch der Holländer ist auch nur ein barocker Zombie mit langen roten Locken. Günter Papendells Bariton ist für diese Partie eigentlich nicht geeignet, aber im Zusammenspiel mit der Inszenierung, die ihn nach Möglichkeit verkleinert und zu einem charmanten Untoten macht – er erinnert an den schwulen Herbert aus Polanskis „Tanz der Vampire“ –, passt seine helle Stimme auch schon wieder.

Man kann nun aufzählen: dass die spinnenden Mädchen eine Horde von gleichförmigen Manga-Serviermädchen sind, dass die Besatzung des Holländer-Schiffs eine durchaus liebevoll individualisierte Horde Zombies darstellt, dass das Ganze in einer glatt verglasten Schachtel spielt, die in den grellsten Farbkombinationen beleuchtet wird, dass die ganze Zeit ein schlichtes Segelschiff herumsteht oder irgendwie herumgeführt wird. Schon während der Ouvertüre fragt man sich: Was soll das? Ach so, die Irrfahrt des Holländers?

Autsch, nein, hier gibt’s nichts zu interpretieren

Und schon wieder denkt man sich: Autsch, nein, hier gibt’s nichts zu interpretieren. Der „Holländer“ ist gerade noch kurz genug, dass man zwar denkt: Hört endlich auf zu grinsen, ich kann es nicht mehr sehen – aber dann geht es doch irgendwie weiter.

Doch gibt es einen wirklich bedenklich toten Punkt, und der ist Senta. Zu ihr ist Fritsch nichts eingefallen. Daniela Köhler singt sie beeindruckend, mit Spitzentönen wie Laserstrahlen, die Ballade mit grandioser Wucht. Aber Gesang und szenische Erscheinung stehen nicht in Zusammenhang wie beim Holländer oder bei Sven Larsens polterndem Daland. Ist das nun ein Mädchen oder eine Frau, ist sie als Tochter des Kapitäns nur besser gekleidet als die Spinnerinnen oder eine Außenseiterin, ist sie verrückt oder klar? Man weiß es nicht.

Dirk Kaftan am Pult des Orchesters der Komischen Oper macht von Anfang an dramatisch Druck – man könnte denken, dass dies der Inszenierung übertreibend in die Hände spielen soll. Zugleich aber sind die raschen Tempi dem frühen Wagner angemessen, und der flexible Ton dämpft die Schrecken der sehr dicken Instrumentation – für Brendan Gunnells Erik war sie jedoch immer noch meistens zu laut. Auch komplizierte Chorpassagen koordinierte Kaftan makellos, die von David Cavelius einstudierten Chöre des Hauses und des Vocalconsorts Berlin sangen großartig.