Berlin - Es ist gerade einmal drei Wochen her, da nannte der Bundestag die Musikstätten in der Baunutzungsverordnung von „Vergnügungsstätten“ zu „Anlagen für kulturelle Zwecke“ um. Damit schaffte das Parlament die gesetzliche Grundlage, um Musikclubs als Orte gesellschaftlichen Werts anzuerkennen, sie vor Verdrängung zu bewahren und so den Zugang zu materiellen Förderungen zu erleichtern. Was das Berliner Abgeordnetenhaus bereits im November vergangenen Jahres beschlossen hatte, ist seither auch bundesweit gültig: Bars mit Livemusik, Konzerträume und Clubs stehen nun rechtlich auf einer Stufe mit Theatern oder Museen.

Jetzt kann sich die Szene über einen weiteren Schritt in Richtung mehr gesellschaftlicher wie staatlicher Anerkennung und Aufwertung ihrer Arbeits- und Gestaltungsorte freuen. Am Freitag erschienen die Ergebnisse der ersten bundesweiten Clubstudie, die von der durch die Bundesregierung geförderten Initiative Musik in Auftrag gegeben wurde. Die Studie untersuchte die wirtschaftliche Lage der Clubszene, ihre soziale Bedeutung und ihre kulturellen Bedarfe anhand quantitativer und qualitativer Daten und stellt fest: Es gibt fast 2000 Musikstätten bundesweit, davon 212 in Berlin. Dazu zählen Orte wie Jazzbars und elektronische Tanzschuppen sowie musikalisch bespielte Vereinsräume. Entscheidende Kriterien waren eine Kapazität bis zu 2000 Menschen und ein regelmäßiges musikalisches Angebot.

260.000 Veranstaltungen und 50 Millionen Gäste

Der Projektleiter Heiko Rühl von der Universität Köln präsentierte die Ergebnisse. Einige überraschen wenig, sind aber zum ersten Mal mit Zahlen belegt, etwa die Dichte der Verteilung: So gibt es in den großen Städten wie Berlin pro 100.000 Einwohner 6,1 Clubs, in Hamburg 6,6 und in München 7,2 – während auf diese Personenzahl in Bundesländern wie Brandenburg nur 1,7 und Bayern nur 1,2 Musikstätten kommen. Die meisten Clubs sind eher klein. Jeweils ein Viertel der untersuchten Stätten kann bis zu 100 Personen, bis zu 200 und bis zu 500 Personen fassen.

2019 fanden bundesweit 190.000 Veranstaltungen und etwa 260.000 Auftritte mit etwa 50 Millionen Gästen statt. Die Wissenschaftler berechneten, dass aus der Branche etwa 1,1 Milliarden Euro jährlicher Umsatz in der Bundesrepublik erwirtschaftet werden. Bei einer staatlichen Förderung von im Schnitt 10 Prozent ergibt sich laut Projektberater Karsten Schölermann daraus eine 2,5-fache Umsatzsteigerung der Fördermittel. Heißt: Aus einem zugeschossenen Euro werden 2,50 Euro Umsatz für die Betreibenden. Dies sei ein handfestes Argument für den Ausbau struktureller Förderung, sagte Schölermann: „Das ist für mich deshalb ein Tag mit Champagner.“

Dennoch sind laut der Befragung die meisten Betreibenden nicht daran interessiert, das große Geld zu machen. Nur 20 Prozent sind etwa als GmbH eingetragen, die meisten betreiben ihre Läden als Vereine oder Einzelpersonen. In der Regel mieten sie ihre Räume gewerblich, den wenigsten gehört die Fläche, die sie bespielen. Für die Mehrheit der Betreibenden überwiegt die soziale und kulturelle Motivation ihrer Arbeit: Sie wollen Treffpunkte und Schutzräume schaffen und ihr Publikum mit einem breiten musikalischen Angebot begeistern.

Die Jazz-Szene ist überaltert

Insgesamt sind rund 43.000 Menschen in Musikclubs beschäftigt, dazu kommen etwa 7000 feste Freie. Die Hälfte der Erlöse kommt aus den gastronomischen Angeboten, nicht aus den Eintrittskosten. Das Durchschnittsalter der Betreibenden ist hoch. Im Schnitt liege es bei 48 Jahren, etwa 15 Prozent seien sogar kurz vor dem Rentenalter. Nachwuchs ist gefragt.

Damit tue sich besonders die Jazz-Szene aktuell schwer, sagte Yvonne Moissl, Präsidentin der Deutschen Jazz Föderation. Fast ein Drittel der Jazz-Spielstätten sei überaltert, und wegen der Anforderungen an moderne Infrastruktur, aber auch des musikalischen Wandels hin zum zeitgenössischen Jazz auf monetäre Unterstützung angewiesen, um junge Leute in die Bands, ins Publikum und in die Vorstände der Jazzverbände zu holen.

Natürlich lässt sich die Zukunft der Musikclubs nicht ohne die Folgen der Pandemie besprechen. Nicht nur hatten die Betreiber allein bis Herbst 2020 einen Rückgang der Umsätze von etwa 65 Prozent zu beklagen, auch verloren rund 75 Prozent der Beschäftigten ihre Anstellungen. Und auch hier spielt das Alter der Betreiber eine Rolle. Denn selbst, wenn sich viele Clubs mit den Corona-Zuschüssen über Wasser halten können, so bedeuteten die langen Schließungen auch einen Neuanfang nach Ende der Maßnahmen. „Alle müssen sich jetzt neu erfinden“, sagt Schölermann, „die Älteren sind dafür zu müde.“ Deshalb sei eine materielle Sicherung der Spielstätten und ein Zusammenarbeiten der Generationen maßgeblich.

Gute Nachrichten gab es laut Ina Keßler, der Geschäftsführerin der Initiative Musik, mit Blick auf die beschlossenen Fördermittel für 2021. So seien die Mittel aus dem Bundes-Kultur-Programm „Neustart Kultur“ von 17 auf 22 Millionen Euro erhöht worden, weitere zehn Millionen Euro seien in Aussicht.