Berlin - „Jeder Ton eine Rettungsstation“: So heißt eines der vielen Bücher, die Christian Broecking über den Jazz geschrieben hat, 2007 erschien es im Berliner Verbrecher-Verlag. „Jeder Ton eine Rettungsstation“: Das war ein Zitat aus einem Gespräch, das er mit dem Bassisten William Parker geführt hatte. „Wer die Musik braucht, findet den Weg“, sagt Parker darin: „Es geht um heilige, heilende Musik.“ Für Christian Broecking ist das wie ein Motto gewesen: Dass Musik heilende Kräfte besitzt, diese Überzeugung zog sich durch das gesamte Schaffen dieses großen Jazzkritikers. Er lebte in der Musik, die er beschrieb, er hatte ein Ohr für die Details, für die Harmonien und Disharmonien von Stimmen und Spielweisen, Instrumenten und Temperamenten. Aber vor allem er hatte er ein Ohr für die Erfahrungen, die sich im Jazz niederschlugen: Denn dass dies eine Musik ist, die zu heilen versucht – das spiegelt ja nur, dass sie aus Schmerz geboren wurde; aus dem Schmerz des Rassismus und der Verweigerung des Respekts gegenüber den schwarzen Menschen, die sie geprägt haben. „Respekt!“, so hieß ein weiteres Buch, in dem er unter anderem Ornette Coleman, Sonny Rollins und Max Roach befragte.

In den 1990er-Jahren war er der erste Programmdirektor des Jazz-Radio Berlin, er schrieb für die Taz und den Tagesspiegel und später vor allem für diese Zeitung. Zehn Jahre lang meldete er sich einmal in der Woche mit einer Kolumne zu Wort, er begleitete das Konzertleben der Stadt, die Auftritte seiner großen Heldinnen und Helden, aber auch die junge und vitale Szene der Echtzeitmusik. In jener Zeit leitete ich das Musikfeuilleton, ich redigierte seine Texte, aber vor allem habe ich von ihm gelernt: wie Kritik sich mit Haltung verbindet, mit Entschiedenheit ebenso wie mit Empathie, mit dem Versuch, sich in Biografien einzufühlen, deren Mühsal und Größe alles das übersteigt, was wir weißen Kritiker wissen und fühlen können.

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