Berlin - „Ooh, ooh, hoo“, ruft Sophia Bicking in ihr Mikrofon. Die Stimme der jungen Jazzsängerin ist klar und kräftig, was nicht nur an dem Equipment liegt. Bis zum Spreeufer ist sie zu hören. Einige Passanten winken von dort aus. Olga Reznichenko greift jetzt in die Pianotasten und aus Bickings „Oh“ wird ein vergnügtes „Sooo“.  Sonntagnachmittag, 16.50 Uhr in Berlin-Mitte: Eines der ersten Open-Air-Konzerte findet Mitten auf der Spree statt.

Bicking und Reznichenko, die als Duo Sophia und Olga in Leipzig begannen, sind wie rund sechs andere Musiker und Musikerinnen auf dem Streamboat der IG Jazz. Der Berliner Verband veranstaltet wie in den Jahren zuvor die Jazzwoche, die unter der Schirmherrschaft von Kultursenator Klaus Lederer steht. Den Auftakt macht an diesem Sonntag die fahrende Bühne auf dem Wasser, die man vom Ufer aus sehen oder streamen kann. Eine Idee, die aus der Not heraus entstanden ist und Sinnbild für die aktuelle Situation sein soll, in der Musiker noch immer auf Abstand spielen. Ursprünglich plante der Verband mit Bühnen in verschiedenen Stadtteilen. Coronabedingt folgen die Woche über nun Rikschatouren, Panels sowie Konzerte – online und offline im kleinen Rahmen.

Berlin hat eine vielfältige und internationale Jazzszene

Über das Streamboat fliegen von den ufernahen Bäumen ein paar Blütenblätter, die Sonne sticht den Musikerinnen ins Gesicht. Nur wenn das Boot unter einer Brücke hindurchfährt, bekommt die Bühne etwas Schatten. Bicking lobt in die Kamera, dass Berlin eine sehr vielfältige und internationale Jazzszene habe, deutlich größer als die Leipziger. Reznichenko nickt, am Ufer ist vereinzelt Jubel zu hören.

Rund 250 Mitglieder zählt IG-Jazz-Geschäftsführerin Kathrin Pechlof zu ihrem Verband. Die Zahl der aktiven Jazzmusiker in Berlin schätzt sie deutlich höher ein. Wie die Organisatoren des Deutschen Jazzpreises kann sie jedoch keine genauen Daten nennen. Fest steht: „Es gibt eine unfassbare Dichte an hochqualifizierten, progressiven und international erfolgreichen Musikern, die ihren Lebensmittelpunkt in Berlin haben. Die Stadt ist für sie daher ein wichtiger Ort und als Verband versuchen wir, dazu beizutragen, dass es in der Stadt gute Arbeitsbedingungen gibt.“

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Das Streamboat auf der Spree: mit Musik und Diskussionen

Was Pechlof meint, sind unter anderem gute Förderstrukturen, Mindesthonorare, Räume und seit dem letzten Jahr auch passgenaue Coronahilfen. Viele selbstständige Akteure würden erst bezahlt werden, wenn sie auf der Bühne stehen, eine CD gekauft oder Tantieme ausgeschüttet werden. Das Jahreseinkommen ist meist gering, ohne Auftritte äußerst überschaubar. Viele Musiker wurden so bei Hilfsprogrammen nicht berücksichtigt. Erst als der Bund, nach Forderung verschiedener Verbände, Stipendienprogramme aufsetzte, wurde es für die Selbstständigen leichter. Doch ohne Auftritte fehlt ebenfalls eine Ausdrucksform, und wie lange lässt es sich von Stipendien leben? Die Jazzwoche bietet nicht nur Unterhaltung, sie zeigt eine Szene im Ausnahmezustand.

Jazzszene: „Was wir brauchen, sind Scheine“

Auf Deck wird gerade umgebaut. Mehrere Jazzer sollen jetzt erzählen, wie es ihnen im letzten Jahr ergangen ist. Im Laufe der Woche gibt es dazu weitere Diskussionen. Ein Panel trägt etwa den Namen „Scheitern in der Krise“ (11. Juni), ein anderes: „Die Gesundheit einer Szene“ (13. Juni). Es wird zudem Talks zu den Themen Gleichberechtigung, Diversität und digitale Transformation geben. Besonders der letzte Punkt macht auch ohne Pandemie Probleme.

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Kultursenator Klaus Lederer (l.) und IG-Jazz-Vorstand Kathrin Pechlof

Pechlof erzählt, dass sie letztes Jahr bei der Jazzwoche mit einer Paywall gearbeitet hätten. Für die reinen Streaming-Konzerte musste man folglich bezahlen, nur wenige Nutzer waren dazu aber bereit. Für den Verband war es dennoch wichtig, es auszuprobieren und den Musikern in der Krise etwas bezahlen zu können. „Was wir brauchen, sind Scheine“, heißt es von den Jazzern in der Diskussionsrunde.

Kultursenator Klaus Lederer ist mittlerweile eingetroffen. Er setzt sich mit Pechlof an Deck. Das Boot ist an der Alten Börse angekommen, die Anwesenden lauschen gespannt. Lederer zeigt sich sehr zufrieden, dass es in der Pandemie gelungen ist, zusätzliches Geld für die Kultur aufzubringen. Er versichert erneut, dass auch nach Corona im Bereich der Kultur nicht nachgespart werden müsse. An Board gibt es erstmal noch weiter Musik und jetzt auch Essen.

Die Jazzwoche Berlin findet vom 7. bis 13. Juni statt. Weitere Infos unter www.field-notes.berlin