Berlin - Es ist ein schmaler Grat zwischen Wut, Verzweiflung und dem Ausdruck des Begehrens, auf dem Jim Morrison und die Doors bei Live-Aufführungen des legendären Stücks „When The Music’s Over“ wandelten. Darin verlangten sie nach nicht weniger als dem direkten Zugriff auf die Welt: „We want the world and we want it – now“. Das klang nicht nur nach Revolte, sondern wurde in den Jahren 1968 ff. auch so verstanden. Das aufrührerische Kopfkino zeigte dazu die Bilder von Bombenangriffen mit Napalm in Vietnam und Demonstranten, die sich in den Metropolen der Welt in den harten Strahl von Wasserwerfern warfen. Aufbruch, Umsturz und der unbedingte Wille, sich nicht mit kleinen Zugeständnissen abspeisen zu lassen.

Jim Morrison machte nach dem ekstatisch herausgeschrienen Satz („We want the world ...“) eine Kunstpause und hauchte – zumindest in einigen raren Live-Aufnahmen des Stücks – ein leises, lange nachhallendes „now“. In diesem „Jetzt“ ging es also auch um Sinnlichkeit, zartes Innehalten, vielleicht sogar Zweifel. Und doch überwog die Geste eines radikalen Schlussmachens, ein Stück Musik über das Ende des Musikmachens: „Turn out the light …“

Die äußere und die innere Freiheit

Aber dann war da doch noch diese Musik, in der sich die Doors als Meister einer retardierenden Melodik präsentierten. Kaum zu überhören war in Robby Kriegers und Ray Manzareks Intonationen der Einfluss von Kurt Weill, keineswegs allein wegen der minimalistischen Adaption „Moon Of Alabama“, das sich die Doors hitverdächtig aus der Brecht/Weill-Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ angeeignet hatten. Selbst wenn sich die revolutionäre Geste in die Nähe des Krachs begab, durch den alles zu bersten schien, bewegte man sich doch im Rahmen von Traditionen.

Die tragische Geschichte Jim Morrisons, der am 3. Juli vor 50 Jahren im Alter von 27 Jahren starb, ist auch die einer künstlerischen Verkennung. Intensiver als viele Zeitgenossen hatte sich der 1943 in Florida geborene Jim Morrison als Projektionsfläche für eine Generation angeboten, die authentisches Erleben selbst als einen Daseinszweck für sich ausgemacht hatte. Die Befreiung aus den engen Grenzen einer prüden Sexualmoral tendierte in der Bühnenfigur Morrisons zur permanenten Überschreitung, in der es nicht nur darum ging, Fantasien zu beschreiben und auszulösen, sondern diese auch ganz unmittelbar in Szene zu setzen. Schon 1967 hatte Jim Morrison sein Gefallen an allem bekundet, was mit dem Umsturz etablierter Ordnungen zusammenhängt. „Mich interessiert, was mit Revolte, Unordnung, Chaos zu tun hat – ganz besonders Handlungen, die scheinbar keinen Sinn haben. Das scheint mir, ist die Straße zur Freiheit – äußere Freiheit ist ein Weg, innere Freiheit zu erreichen.“ So jedenfalls hatte ihn seine Plattenfirma Elektra marktgängig zitiert.

Der Dichter und der ewige Rebell

Seine Lust an performativer Schrankenlosigkeit hatte allerdings einen hohen Preis. Nach einem Konzert in Miami im Jahre 1969, bei dem er nicht zuletzt die Eindrücke einer zuvor besuchten Theater-Performance aufgegriffen hatte, wurde gegen ihn ein Haftbefehl wegen „unzüchtigen und lasziven Verhaltens“ sowie mehrerer kleinerer Delikte, darunter „unzüchtige Entblößung“, „vulgäre Sprache in der Öffentlichkeit“ und „öffentliche Trunkenheit“, erlassen. Die Affäre trug zwar in Windeseile zum Rebellenruhm bei, wurde für die Doors aber auch zu einem existenziellen Problem, in dessen Folge zahlreiche Konzerte abgesagt werden mussten, weil eine Art Bann über die Band verhängt worden war. Und als Jim Morrison 1970 seiner Freundin Pamela Courson nach Paris folgte, hatte er nicht zuletzt gegen Kautionsauflagen verstoßen.

dpa/Manfred Rehm
Der Sänger Jim Morrison  während eines Auftritts

Dabei hätte Paris auch die Geschichte eines Neuanfangs werden können. Jim Morrison war der Rolle des ewigen Tabubrechers längst überdrüssig. Er hatte künstlerische Pläne, wollte Filme machen und weitere Gedichte schreiben. Inzwischen gibt es ausführliche literarturwissenschaftliche Arbeiten über Morrisons Lyrik, deren Nähe zu Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud immer wieder betont wird. Der Rockstar aus Florida hatte gelesen. Einige dieser Texte wurden auszugsweise 1978 auf dem Lyrik-Album „An American Prayer“ der Doors veröffentlicht.

Die genauen Todesumstände im Juli 1971 blieben über Jahrzehnte umstritten. Wie später nach dem Tod von Elvis glaubten viele Fans, Jim Morrison lebe unter anderem Namen in Frieden weiter. Tatsächlich aber hatte er wohl in Folge einer über einen längeren Zeitraum angewandten falschen Medikation einen Herzstillstand erlitten, der ihn endgültig zu jener mythischen Figur machte, der er als Künstler doch hatte entkommen wollen. Sein Grab am Pariser Friedhof Père Lachaise wurde zu einer hippiesken Pilger- und Unruhestätte, wo bis heute der Provokateur aufgesucht und der empfindsame Wortkünstler, Musiker und Darsteller emotionaler Konflikte der Zeit einmal mehr übersehen wird.