Berlin - Eine Wiederentdeckung der auf der Karibikinsel Saint Kitts geborenen und im britischen Birmingham aufgewachsenen Joan Armatrading lohnt sich schon deshalb, weil sie an eine feministisch geprägte Popmusik erinnert, mit der sie sich seit den frühen 70er-Jahren stilsicher zwischen verschiedenen Genres bewegte. Rock, Jazz, Blues, Reggae – alles fügte sich zu einem weichen Mix, dem zugleich eine ambitionierte Songschreiberei zugrunde lag.

In fast allen ihrer Songs seit ihrem Debüt „Whatever’s For Us“ (1972) behandelt Joan Armatrading Themen weiblicher Selbstbestimmung sowie die zahlreichen Rückschläge, diese zu erlangen. Es war eine Art Klang gewordene Verletzlichkeit, die sie etwa zur selben Zeit in die Welt setzte, als Patti Smith der Rockmusik von Frauen eine ganz neue Ausdruckskraft verlieh. Stellvertretend für viele Kompositionen aus dieser Zeit steht „Water With The Wine“ vom 1976er-Album „Joan Armatrading“. Die Abwehr der männlichen Übergriffigkeit scheitert in dem Lied, aber beim nächsten Mal und beim nächsten Mann, so schwört die Sängerin, werde sie Wasser in den Wein mischen.

Hört man sich die Alben ihrer verschiedenen Schaffensperioden mit ein wenig historischem Abstand an, so fällt auf, dass die gegenwärtige MeToo-Bewegung und deren Bereitschaft, ihren Zorn über Geschlechterkonflikte und den daraus resultierenden Niederlagen zu thematisieren, keineswegs einem eben erst entdeckten Bedürfnis entsprungen ist.

Geprägt von Soul und Jazz

Schon möglich, dass Joan Armatrading hier und da als Aktivistin auf der Bühne wahrgenommen worden ist. Tatsächlich aber war und ist sie dort immer auch eine einfühlsame, von Soul, R&B und Jazz geprägte Sängerin. Das blieb nicht lange verborgen, und im deutschsprachigen Raum steigerte sie die Zahl ihrer Fans nachhaltig, als sie 1980 in einer der legendären vom WDR-Fernsehen übertragenen „Rockpalast“-Nächte vor einem Millionenpublikum auftrat. Dass es danach ein wenig stiller um sie wurde, hat wenig mit nachlassender Produktivität zu tun. Eher staunt, wer zwischendurch weggehört hat, wie kontinuierlich sie weitergearbeitet und performt hat.

Die vom Elektropop dominierten 80er-Jahre waren ihre Sache nicht, Joan Armatrading blieb bei ihrer handgemachten Singer-Songwriter-Musik, die sie nun auf ihrem 22. Album „Consequences“ mit zehn neuen Songs fortsetzt. „All life must have meaning“ singt sie im Auftaktstück „Natural Rhythm“, das an das Rock-getriebene Album „Me Myself and I“ (1980) erinnert, ihre erfolgreichste Veröffentlichung, aber nicht unbedingt ihre beste.

Vertraue Dir selbst

Joan Armatrading hat nie allzu viel Aufhebens darum gemacht, dass sie auch eine gute Gitarristin ist, obwohl ihr Vater den Kindern verboten hatte, seine ihm heilige Gitarre anzurühren. Auf „Consequences“ wechseln E-Gitarren neben sanft anmutenden String-Anklängen ab. Das bessere Leben, singt Armatrading in dem Song „A Better Life“, erwachse aus den vielfältigen Bemühungen auf dem Weg zur Selbstbestimmung. Wollte man Joan Armatrading ein identitätspolitisches Label aufdrücken, dann besteht ihre Botschaft aus einem sympathisch unaufdringlichen, aber stets präsenten Selbstvertrauen einer inzwischen 71 Jahre jungen Sängerin.

Joan Armatrading: „Consequnces“ (BMG Rights) erscheint am 18. Juni