Berlin - Als Joanna Kupnicka das erste Mal an eine Karriere als Solosängerin dachte, stellte sie sich vor, das „lonely girl mit dem verwunschenen Akkordeon“ zu sein. Und warum auch nicht? Die Quetschkommode ist eine ungewöhnliche Wahl als Begleitinstrument, den Hang zu etwas Mystischem hatte die Berlinerin von klein auf. 

Unter dem Namen Joanna Gemma Auguri schrieb sie also die ersten Lieder, die im März 2016 auf der EP „Green Water“ erschienen. Fünf englischsprachige Indie-Pop-Stücke in Moll, die vom Akkordeon und einer klaren Altstimme geprägt sind. Nikolai Tomás von der Berliner Folkband Poems For Laila – die 1989 den Berliner Senatsrockwettbewerb gewann und mit ihrem Debüt „Another Poem for the 20th Century“ beim Berliner Vielklang-Label den Grundstein für alle folgenden westeuropäischen Balkanbands legte – veröffentlichte die Musik auf seiner Plattenfirma Baboushka Records. Und sie gefiel ihm so gut, dass er Kupnicka fragte, ob sie nicht bei seiner Gruppe mitmachen wolle. Im selben Jahr brachten sie dann das gemeinsame Album „TikTak“ heraus. Von Berlin bis zum Bodensee berichteten Medien über die gelungene Fusion. „Ihre Ausstrahlung kann sich über die Gesamtdistanz aller elf Lieder mit anderen großen Paaren wie Hazlewood & Sinatra oder Gainsbourg & Birkin messen“, hieß es etwa auf der Webseite des Onlinemagazins laut.de.

Doch Kupnicka dachte weiterhin an ihre „lonely girl“ - Idee. Vielleicht auch, weil bei Poems For Laila das Akkordeon keine allzu große Rolle spielte. Nach einer weiteren Platte mit Tomás und etlichen Auftritten machte sie sich schließlich 2020 wieder daran, ihre eigenen Ideen zu verfolgen. „Für mich gibt es keine andere Alternative“, erzählt die Berlinerin bei einem Spaziergang durch den Volkspark Friedrichshain.

Mantren und Musik

Kupnicka ist mittlerweile 43 Jahre alt, kinderlos und hat schon vor ihrem kleinen Durchbruch mit Poems For Laila die meiste Zeit auf einer Bühne verbracht. Mit Anfang 20 absolvierte sie ein Gesangs- und Schauspielstudium, nach dem Abschluss hatte sie Engagements in Leipzig und Berlin, sang in verschiedenen Projekten und schloss später noch jeweils eine Ausbildung für Systemisches Coaching und Yoga ab. Die Spiritualität in ihrer Sportart hat sie wiederum für ihre Künste inspiriert. „Bei manchen Mantren singt man sich zum Beispiel sehr lange in einen Rhythmus, und manchmal empfinde ich so die Musik, die ich mit dem Akkordeon spiele.“

Hört man sich ihr nun erscheinendes Debütalbum „11“ an, ist klar zu erkennen, um was es Kupnicka geht. Das Akkordeon bahnt sich meist gemächlich seinen Weg durch die elf Dark-Pop-Stücke. Selten, wie in der Ballade „The Snow“, ertönt auch eine Zither, an der Kupnicka so lässig wie an einer Gitarre zupft. Denkt man sich ihre Zeilen über Liebe und Verlust weg, hat es etwas Meditatives, blendet man das Instrument aus, könnte es genauso gut mit einem Schlagzeug oder einem Bass erklingen.

Sabine Gudath
Joanna Kupnicka nennt sich auf der Bühne Joanna Gemma Auguri.

Tatsächlich dachte Kupnicka für einen Moment daran, unter ihre neuen Songs einen Beat zu legen und Tempo reinzubringen. Sie eingängiger wie auf ihrer vorherigen EP zu machen. Doch letztlich wollte sie bei den roh wirkenden Aufnahmen bleiben, die Melancholie, die sich darin verbirgt, zum Ausdruck bringen. „Ich habe ganz feine Antennen für meine Umwelt und ich merke, dass ich all das, was ich wahrnehme, verarbeiten möchte“, erzählt sie. Musik sei ihr Ventil.

Wie Nick Cave an der Orgel

Mit ihrer tiefen Stimme, die sich kräftig durch düstere Klänge und Zeilen zieht, ihren dunklen Haaren und den schwarzen Outfits, erinnert Kupnicka an den Musiker Nick Cave. An eine traurige Poetin über den Tasten. Als Inspirationsquelle nennt die Berlinerin osteuropäische Musik von Penderecki und Györy Ligeti, Kompositionen von Kurt Weill sowie die Sängerin Marianne Faithfull. Es bleibt die Frage, wieso sie dann ausgerechnet zur Quetschkommode griff. Zu einem Instrument, das man bei aktuellen Pop-Produktionen eher selten findet. 

„Mein Hauptinstrument ist eigentlich die Stimme, und das Akkordeon unterstreicht sie mit seinem Dröhnen“, sagt die Musikerin. „Ich glaube, es hat ganz viel damit zu tun, dass ich slawische Wurzeln habe, und dass ich als Kind – ich bin in einer katholisch-polnischen Familie groß geworden – viel in der Kirche war.“ Die Kirchenorgel sei in ihrer Erinnerung so tief verankert geblieben, dass sie den Sound vermutlich unbewusst wieder gesucht habe. „Ich sehe das Akkordeon auch ein bisschen als eine Art Zeitmaschine. Es versetzt mich vom Klang her in eine ganz andere Gegenwart.“

Im Hier und Jetzt will die Berliner Musikerin ihre Maschine nun für andere anwerfen. Die Corona-Krise und ein damit verbundener Ausfall von Konzerten wie Yogakursen gab ihr die Gelegenheit, ihr Soloalbum zu produzieren, die Idee des „lonely girls mit dem verwunschenen Akkordeon“ endlich fortzusetzen. An der hat sich letztlich nur eine Sache geändert: „Ich bin längst kein Mädchen mehr“, sagt Kupnicka. Die einsame Frau mit dem Akkordeon klingt aber genauso spannend.

Joanna Gemma Auguri: „11“ (Lavender Music / Tracks United / Broken Silence)