Bei John Grants letztem Album „Love Is Magic“ aus dem Jahr 2018 konnte durchaus der Eindruck entstehen, dass die tragische Geschichte des großen bärtigen Mannes mit der karamellschmelzende Stimme ein Happy-End gefunden hat. Zwar gab es auf der Platte noch (Selbst-)Hass-­Erklärungen und gedemütigte Liebende, doch die Mischung aus Synth-Pop und Elektro-Funk wirkte so viel wärmer, so viel leichter. Bisher attackierten dunkle, elektrifizierte Schwaden und etliche Störgeräusche, die dem Schmerz aus Grants Brust entsprungen waren, die Hörer. Und überhaupt schien es dem heute 52-jährigen Songwriter besser zu gehen: Als Homosexueller hatte er sich längst geoutet, die HIV-Krankheit akzeptiert, das Problem mit Drogen sowie Alkohol schien er in den Griff bekommen zu haben, die letzten LP-Veröffentlichungen wurden durchweg gelobt und Grant war nicht einmal mit jemandem vergleichbar. Selbstmordgedanken waren objektiv betrachtet nicht mehr nötig.

Anders als in Filmen kann man in Biografien, auch in musikalischen, noch nach dem Happy End die vorhergehende Geschichte erzählen. Die beginnt bei Grant hier: 1979 in Michigan. Es ist Sommer und Grant sitzt mit seinem Kumpel im Park. Die Schaukel und das Karussell laden zum Spielen ein, bis zum Abend können sie hier verweilen. Dann sagt sein Freund: „Pass auf, wenn du da raus gehst / Sie werden dich bei lebendigem Leib auffressen.“ Erst da machen sich in dem glitzernden Stück „Boy From Michigan“, das auf dem Vorgänger-Album aufzubauen scheint, bedrohliche Klänge bemerkbar; schwarze Wolken, die über dem Kinderhimmel aufziehen. 

Wie in einer Therapiestunde

„Boy From Michigan“ gab Grants fünften Album den Titel, und der Junge schaut aus heutiger Sicht auf die Vergangenheit und versucht wie in einer Therapiestunde Verknüpfungen herzustellen. Grant ist dabei gewohnt ehrlich und direkt. Es schmerzt regelrecht, wenn es dabei kracht, poltert, pumpt und zieht. Auf eine Weise ist das aber gerade so verführerisch und herausfordernd! Auch nach dem vierten Mal Hören gibt es bei den zwölf Stücken – die von der Erzählung auf der Wiese über die erste Liebe bis hin zu seiner Studienzeit in Heidelberg und New York reichen –  immer noch ein unentdecktes Highlight. So etwa in „Rhetorical Figure“, wenn er plötzlich akzentfrei auf Deutsch reimt: „Essen-Aß-Gegessen / Flechten-Flocht-Geflochten.“

Der Höhepunkt ist jedoch das neuneinhalbminütige „The Only Baby“, bei dem es zwischen den tragenden Klavierklängen etwas rumpelt und kreischt. Der Song handelt vom einstigen US-Präsidenten Donald Trump, der für Grant Kapitalismus und Christentum symbolisiert. „Das ist das einzige Baby, das die Schlampe haben könnte“,  wiederholt er mit weicher Stimme, ehe er im Bariton mit einem Chor brummt. Die Außenwelt hat stets einen Einfluss auf die Psyche, das macht Grant deutlich. Was im Kindheitsalter begann, findet er im Erwachsenenleben an unterschiedlichen Stellen wieder – und umgekehrt. 

Hörður Sveinsson
John Grant reist für sein neues Album gedanklich nach Michigan zurück. 

Diese Innen- und Außenperspektive in Lyrics zu übersetzen, gelang ihm womöglich nie so gut. Die musikalische Untermalung, die stark an seine früheren Solo-Werke erinnert, ist dabei ausgeklügelt. Sie mag vereinzelt an „Love Is Magic“ anknüpfen, ist aber viel mehr vom düsteren „Pale Green Ghosts“ berührt. Am Ende zeigt „Boy From Michigan“, wie sehr man Happy Ends hinterfragen muss. Aber auch, wie man selbst verantwortlich dafür ist. Ein großartiges Album!

John Grant: „Boy From Michigan“ (Bella Union) erscheint am 25. Juni