Berlin - Wie oft haben Sie sich während der Pandemie ein Ticket ins Paradies gewünscht? Einen Flug in die Karibik? Einen Trip in die Berge? Wer noch immer auf den Abflug wartet, konnte sich am Samstagabend beim Kiezsalon in den Gärten der Welt Urlaubsfeeling holen. Zwischen dem chinesischen und dem koreanischen Garten, zwischen mit Seerosen bedeckten Teichen, dunkelgrünen Bäumen, bunten Blüten und großen Steinen hat auf einer freien Wiese der Kiezsalon von Michael Rosen seinen Platz gefunden. Die rund 220 Besucher mussten über den Nordeingang in die Gärten der Welt und dann wie in einem Vergnügungspark den Schildern folgen. Wer rechtzeitig da war, durfte zudem eine Abbiegung durch einen der Gärten nehmen und konnte im Teehaus oder im Labyrinth verweilen.

Michael Rosen erzählt im Kiezsalon, dass er unbedingt die Gärten der Welt mit nutzen wollte und sich den Platz auf der Wiese bewusst ausgesucht hätte. Überall liegen dort Menschen auf Liegestühlen oder sitzen im frisch gemähten Rasen. Hin und wieder zieht eine frische Brise über die Fläche, Vögel zwitschern. Berlin scheint plötzlich sehr weit weg zu sein. Wenn man nicht gerade in Marzahn wohnt, gleicht die Anfahrt auch einer Weltreise.

Benjamin Pritzkuleit
Jessica Ekomane demonstriert Computer-Musik. 

Vor zwei großen Holzfiguren, die aussehen wie Mäuse, die gerade Klimmzüge machen, hat Rosen derweil eine kleine Bühne errichtet. Die erste, die sie betritt, ist die 29-jährige Sängerin Alicia Edelweiss. In Österreich ist sie mit ihrem Akkordeon-Pop ein kleiner Star. „I spent a lot of time alone“, ich habe sehr viel Zeit alleine verbracht, fiept sie in Berlin, während sie immer nach den Mäusen greift. Sie macht damit ziemlich deutlich, worum es Rosen neben der Entdeckung von Musik beim Kiezsalon geht: Begegnung.

Gewehre im Garten

So gibt es nach der Show erst mal eine 30-minütige Pause für Austausch. Ein Besucher berichtet, dass er hier das erste Mal seit sechs Monaten seinen Musiklehrer wiedersieht. Vom französischsprachigen Kleinkind bis zum Großvater aus dem Kiez hat Rosen ein breites Publikum angelockt. Ein Grund mag die vielseitige Musikauswahl sein.

Nach Edelweis spielt der experimentelle Saxofonist Otis Sandsjö. Der 33-jährige Schwede streicht über die Knöpfe wie bei einer Gitarre, hält das Instrument wie eine Trinkflasche an den Lippen und zeigt jedem, der als Kind durch den Klassik-Unterricht gejagt wurde, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn man durch das Mundstück einmal haucht. Anschließend folgt die talentierte Hamburger Autorin und Musikerin Rosaceae. An einem modularen Synthesizer dreht und steckt sie so lange  herum, bis sich ihr aufregender Ambient-Sound von Noise über Industrial bis hin zu Drone verwandelt. Dabei klingt es, als würden Gewehre schießen und Funkgeräte laut werden. Für eine Sekunde wirkt der Garten mit seinen Holzfiguren sehr bedrohlich. 

Zurück in die Realität holt einen die Berliner Electro-Künstlerin Jessica Ekomane, die am Laptop im wahrsten Sinne des Wortes Computer-Musik macht und mit „Windows“- und Klick-Geräuschen daran erinnert, dass jeder Urlaub irgendwann endet. Nicht alle Besucher scheinen dafür bereit zu sein, doch nach diesem Ausflug fühlt man sich so erholt wie nach einem Kurzurlaub im Paradies.

Der Kiezsalon findet einmal pro Monat an unterschiedlichen Orten statt. Termine und Tickets gibt es unter: www.digitalinberlin.de