Die Berliner Philharmoniker spielen Korngold: Unglaubwürdiger Glanz

Erich Wolfgang Korngolds „Symphonie in Fis“: Mischung aus Leinwandklängen und verschachtelter Komposition.

Kirill Petrenko dirigierte die Berliner Philharmoniker.
Kirill Petrenko dirigierte die Berliner Philharmoniker.Chris Christodoulou

Im Jahr 1954, als Erich Wolfgang Korngolds „Symphonie in Fis“ uraufgeführt wurde, verkündeten Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen ein Komponieren ohne Ausdruck und vertraute Sprachformen, dafür maximale strukturelle Komplexität. Richard Strauss konnte bei einem solcherart verunsicherten Publikum mit der ungebrochenen Romantik seiner „Vier letzten Lieder“ Erfolg verbuchen. Korngold dagegen, in Hollywood ein erfolgreicher Filmkomponist, stieß mit der Tonsprache seiner Symphonie beim selben Publikum auf Unverständnis: Mit der Mischung aus satten Leinwandklängen und durchaus verschachtelter Komposition war wenig anzufangen.

Korngolds Symphonie wurde bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr in der Philharmonie aufgeführt: Nach dem Deutschen Symphonie-Orchester (DSO) im März unter John Wilson spielten nun die Berliner Philharmoniker das Werk von Mittwoch bis Freitag unter Leitung ihres Chefs Kirill Petrenko. Die orchestralen Gebärden fielen noch scharfkantiger aus – strukturell war die Interpretation des DSO facettenreicher. Dafür wurde bei den Philharmonikern das rhetorische Ineinander von Filmmusik und Symphonik deutlicher und legt einen Vergleich mit Dmitri Schostakowitsch nahe: Setzt der sich mit der Ästhetik des Sozialistischen Realismus auseinander, so Korngold mit den kulturindustriellen Überwältigungsgesten. Schwelgt sein noch in den USA entstandenes Violinkonzert in schönstem Kitsch, ist die Symphonie oft trocken, reckt sich quer zur Tonalität – oder übertreibt das Glänzende vor allem im Finale zur Unglaubwürdigkeit. Man kann darin die Echos des Weltkriegs hören, aber auch die Ausdrucksnot einer Kunst, die sich auf der avantgardistischen Seite in Spekulation verlor, auf der kulturindustriellen dagegen massenhaft und unreflektiert entsteht.

Andrew Normans „Unstuck“: Ein Überfall ganz verschiedener Gesten

Andrew Normans „Unstuck“ von 2008, mit dem das Konzert begann, kann man aus dieser Perspektive ebenfalls hören: Ein Überfall ganz verschiedener Gesten von tonaler Saftigkeit bis zu kahlen Intervallen, die an Webern erinnern – mit einer Souveränität und Nervosität zusammengebunden, die das Stück interessant machen, und von Petrenko und den Philharmonikern mit adäquater Vitalität aufgeführt.

Mozarts frühes B-Dur-Violinkonzert klingt zwischen diesen Stücken wie in Anführungszeichen gespielt: Harmlos scheint diese Musik, die dem Orchester nichts abverlangt außer permanenter klanglicher Zurückhaltung. Aber vernimmt bei diesem Repertoire, das an die Ensembles mit historischen Instrumenten verloren ging, nicht auch Unsicherheit, was rhetorisch und klanglich mit ihm anzufangen ist? Dabei gibt es in dieser vorbürgerlichen Musik durchaus eine Lust am Klingen, der man mit modernen Instrumenten entgegenspüren könnte. Noah Bendix-Balgley, der Solist, findet einen wunderbar nuancierten, nicht großen, aber auch nicht verniedlichten Klang, die Philharmoniker klingen eher schaumig und nicht immer ganz präzise, im Ausdruck vage.