Neujahrskonzert: Daniel Barenboim nach langer Krankheit wieder am Pult – im Sitzen

Nach diesem Dirigat von Beethovens Neunter scheint es unwahrscheinlich, dass Barenboim seine hervorragende Stellung im Berliner Musikleben wieder einnehmen wird.

Dirigent Daniel Barenboim steht am Silvesterabend vor der Staatskapelle und dem Staatsopernchor. Der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden dirigierte am Samstag in Berlin mit der neunten Sinfonie von Ludwig van Beethoven ein Konzert zum Jahreswechsel. 
Dirigent Daniel Barenboim steht am Silvesterabend vor der Staatskapelle und dem Staatsopernchor. Der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden dirigierte am Samstag in Berlin mit der neunten Sinfonie von Ludwig van Beethoven ein Konzert zum Jahreswechsel. Staatsoper Berlin/Peter Adamik

Daniel Barenboim musste die Dirigate des neuen „Ring des Nibelungen“ an der Staatsoper, der Asien-Tournee mit der Staatskapelle und des Konzerts zu seinem 80. Geburtstag absagen. Es wurde zunehmend unwahrscheinlich, dass der unter einer „schweren neurologischen Erkrankung“ leidende Dirigent noch einmal am Pult zu sehen sein würde – umso bewegender die Nachricht, dass Barenboim die Konzerte zum Jahreswechsel tatsächlich leiten wird.

„Bewegend“ ist dann auch das treffende Wort zur Beschreibung des Eindrucks, den der Neujahrs-Nachmittag mit Beethovens neunter Sinfonie in der Staatsoper hervorrief. Dass die Staatskapelle erst nach der offiziellen Anfangszeit 16 Uhr das Podium betrat, Barenboim jedoch auf sich warten ließ; dass um 16.12 Uhr der Intendant Matthias Schulz einen Anruf erhielt, der ihn seinen Platz im ersten Rang zu verlassen und vor das wartende Publikum treten ließ: alles Anzeichen für eine keineswegs überwundene gesundheitliche Krise. Barenboim trat langsam ans Pult, nahm langsam auf einem Stuhl Platz, und sehr langsam war diese gesamte Neunte. Fragwürdig ist, ob das wirklich noch eine Interpretation war.

Barenboims Langsamkeit ist keineswegs beseelt. Eher stirbt etwas unter dieser Form von Mikroskopierung. Die Details werden grauenerregend, weil sie einerseits so lange dauern und andererseits aus dem Zusammenhang gelöst und ihres Sinnes beraubt sind. Wenn Beethoven seine Motive in Wiederholungsschleifen anordnet, im ersten und zweiten Satz vor allem, entstehen unter Barenboims Leitung schier unüberwindliche Klangwände: Keinerlei Großrhythmus sortiert hier die Wiederholungen, sie könnten ewig so weitergehen. Klagte Barenboim einst öffentlich darüber, dass viele junge Musiker nicht mehr im Zug der Harmonik spielen könnten, also das Woher und Wohin der Akkorde nicht mehr verstünden – hier ist ihm genau diese Fähigkeit auch verloren gegangen.

Barenboims Neunte von Beethoven klingt geradezu erstarrt

Die Musik wird sonderbar abstrakt. Die langen halben Noten des ersten Themas im Adagio wirken rätselhaft in ihrem Sinn, und rätselhaft ist auch das Verhältnis vom ersten zum zweiten Thema, das als regelmäßig schaukelnder Gegensatz der unendlichen Melodie des ersten entgegengesetzt ist, hier aber keinen charakterlichen Unterschied macht – und auch keinen klanglichen.

Denn auch das gehört zur abstrakten Wirkung der Interpretation, dass sie klanglich geradezu erstarrt scheint. Die langsamen Tempi werden von der trockenen Saalakustik nicht unterstützt und sind insbesondere für die Bläser – später auch für den Staatsopern-Chor – hörbar eine Herausforderung. Aber auch die Streicher vermögen sich nicht zu entfalten. Die einzige Ausnahme ist die instrumentale Vorstellung des Freuden-Themas im Finale: Nach der in schier geologischem Tempo sich schiebenden Ankündigung in Kontrabässen und Celli gewinnt das Thema in den Violen und Violinen und unter den Kontrapunkten von Fagott und Celli unverhofft lebendigste Wärme und innigsten Ausdruck.

Schöner wird es nicht mehr. René Papes Einspruch „O Freunde, nicht diese Töne“ ist als Geste grandios, aber die Spitzentöne fallen ihm schwer. Camilla Nylund vermag der gemeinen Sopran-Partie wie nahezu alle ihre Kolleginnen nur wenig Wohlklang abzugewinnen. Saimir Pirgu zieht sich mit der ebenso gemeinen Tenor-Partie klanglich gern hinter den Männerchor zurück. Marina Prudenskaya vervollständigte das Vokal-Quartett im Alt. Der Staatsopernchor ist engagiert bis zur spürbaren Anstrengung.

Der Applaus ist am besten als herzliche Geste des Mitgefühls zu verstehen

Der Applaus, der Barenboim von einem stehenden Publikum gespendet wurde, ist als herzliche Geste des Mitgefühls wohl am besten zu verstehen. Es ist dieser Neunten nicht anzuhören, dass es bei Barenboim einen Altersstil geben wird, es ist – und das sei bei aller Kritik an diesem Dirigenten mit aufrichtiger Traurigkeit vermerkt – ziemlich unwahrscheinlich, dass Barenboim seine in fast dreißig Jahren Arbeit aufgebaute, hervorragende Stellung im Berliner Musikleben wieder einnehmen wird.

Kann Barenboim, dem nach jedem Satz ein Glas Wasser gereicht wurde, noch eine ganze Oper durchhalten? Und angenommen, die langsamen Tempi sind der Krankheit geschuldet: Halten Sänger und Orchester diese Tempi aus? Barenboims interpretatorisches Wirken zeichnete sich bis zuletzt durch Kraft, aber auch Neugier aus. Seine zyklischen Repertoire-Wiederholungen konnten zuweilen durch die Beschäftigung mit Boulez, Schönberg oder Debussy neue Perspektiven gewinnen. Wenn derlei sich in den kommenden viereinhalb Jahren seiner Vertragslaufzeit noch einmal einstellen sollte, darf man von einem Wunder sprechen.