Ängstliches Auftrumpfen: Esa-Pekka Salonen stellt sein neues Orgelkonzert vor

Die Berliner Philharmoniker führen die „Sinfonia concertante“ auf, die kompositorisch zwischen Witold Lutoslawski und Olivier Messiaen angesiedelt ist.

Esa-Pakka Salonen
Esa-Pakka SalonenMinna Hatinen

Warum die Berliner Philharmoniker ausgerechnet Esa-Pekka Salonen zu ihrem aktuellen Composer in Residence ernannt haben, ist nicht recht nachzuvollziehen. Vermutlich ging es vor allem darum, der deutschen Erstaufführung von Salonens neuem Orgelkonzert – beauftragt wurde es neben den Philharmonikern vom Rundfunkorchester in Katowice, vom Finnischen Radio-Symphonie-Orchester, vom Orchestre de Paris, der NDR Elbphilharmonie und vom Los Angeles Philharmonic – einen kleinen Hof zu bilden.

Der 1958 in Finnland geborene Salonen begann als Komponist und wurde zum Dirigenten, weil seine Komponistenkollegen einen brauchten und Salonen als Hornist immerhin über ein gewisses praktisches Metier verfügte – und sich als enorm begabt erwies: Rasch machte er Karriere vor allem an der Westcoast: Nach 17 Jahren in Los Angeles steht er seit 2020 an der Spitze des Orchesters von San Francisco. Sein Komponieren ist aber durch die „Californication“ nicht interessanter geworden. Sein Orchestersatz und seine Harmonik leuchten bunt, er weiß natürlich, wie man effektvoll auftrumpft. Aber was sich da so eklektisch und stilistisch irgendwo zwischen Witold Lutoslawski und Olivier Messiaen angesiedelt an den Hörer heranmacht, ist leider so aufgeblasen wie uninteressant.

Bedauerliche Blässe

So auch das neue Werk, das am Wochenende als Konzert für Orgel und Orchester angekündigt und nun als „Sinfonia concertante“ aufgeführt wurde – schon im Wissen darum, dass ihm zur Orgel nicht viel eingefallen ist und er das Wenige im wesentlich fantasievoller gehandhabten Orchesterpart zu verstecken für geboten hielt.

Die Ur- und Erstaufführungen teilen sich Iveta Apkalna und Olivier Latry, in der Philharmonie war der Organist von Notre Dame eingeladen und wirkte von Salonens Orgelpart keineswegs herausgefordert. Der Beginn mit seinen reizvoll gegeneinander verschobenen Dreiklangsmixturen klang bereits nach Messiaen, und auch die interessanteren Orgelpassagen sind diesem letzten großen Orgelkomponisten verpflichtet, ohne dessen Originalität jemals zu erreichen. Nach zwei eher getragenen, schwer auseinanderzuhaltenden Sätzen wird der dritte rasch und lärmend – strapaziert aber dennoch die Geduld, weil in dem aufgeregten Treiben so viel nun wieder auch nicht passiert. Am Ende kocht kurz ein von wirbelnden Schlussgesten provozierter Beifall hoch, aber er fällt auch schnell wieder zusammen.

Angesichts der Einsicht und Übersicht, mit der Salonen zuvor und danach Maurice Ravels „Ma mère l’Oye“ und „Le Tombeau de Couperin“ dirigiert, angesichts der Genauigkeit, mit der hier ein Ton getroffen und mit sparsamsten interpretatorischen Mitteln laufen gelassen wird, ist die Blässe des Komponisten Salonen bedauerlich. Die abschließende Suite aus Béla Bartóks „Wunderbarem Mandarin“ dirigiert mitreißend, ja mitgerissen und dennoch mit genauem strukturellem Kalkül. Angesichts seiner hier gezeigten musikalischen Einsicht in den Zusammenhang von Klang und Struktur wirkt Salonens „Sinfonia concertante“ in ihrer Angst, den Hörer zu verlieren, unterkomplex und seltsam ängstlich noch im Auftrumpfen.