Klaus Lederer: Das Musical gehört in den Kanon der Künste

Berlins Senator für Kultur und Europa hat ein Nachwort für das Buch „Breaking Free. Die wunderbare Welt des LGBTQ-Musicals“ verfasst. Wir dokumentieren es hier.

 Kultursenator Klaus Lederer im Roten Rathaus
Kultursenator Klaus Lederer im Roten RathausBerliner Zeitung/Markus Wächter

Bei der Lektüre des Manuskripts dieses Buches habe ich in mir eine wachsende Ungeduld verspürt. Wann endlich werden wir auch im deutschsprachigen Raum eine solche Vielfalt an Musiktheaterstücken mit unversteckt queeren Inhalten und Figuren besuchen können, wie sie sich im anglo-amerikanischen Raum in den zurückliegenden Jahrzehnten mit wachsender Rasanz entwickelt hat? Dass ich diese Leerstelle nun überhaupt so bewusst als solche wahrnehme, ist ein großes Verdienst dieses Buches.

Ein erster Schritt zu ihrer Überwindung bedeutet für Deutschland, ein verschüttetes kulturelles Erbe wiederzuentdecken: die im Nationalsozialismus brachial zerstörte Vielfalt des Musiktheaters, auf die Barrie Kosky in seinem Vorwort zu diesem Buch aufmerksam macht, wenn er etwa an Erik Charells Revuen erinnert, mit Claire Waldoff oder Marlene Dietrich, die eine „Queerness im Berlin der 1920er-Jahre“ geprägt haben. Schließlich wies Berlin nicht nur eine äußerst lebendige Musiktheaterlandschaft auf, sondern war auch ein Ort der außergewöhnlich großen sexuellen Freiheit, ja, vielleicht sogar der Ort, an dem es überhaupt erst zur Entstehung einer dezidiert wahrgenommenen homosexuellen Identität gekommen ist, wie Robert Beachy in „Gay Berlin: Birthplace of a Modern Identity“ argumentiert. Es geht daher in dem vorliegenden Band nicht zuletzt um ganz praktische Erinnerungskultur.

Ein Anfang zur Wiederentdeckung dieser – auch queeren – Kultur des unterhaltenden Musiktheaters ist in Berlin gemacht. Das verdanken wir tatsächlich ganz wesentlich Barrie Kosky. Hätte dieser wahnsinnig begabte schwule, jüdische Australier nicht 2012 die Intendanz der Komischen Oper in Berlin übernommen – wer weiß, wie lange es noch gedauert hätte, bis Deutschland beispielsweise die wunderbaren Operetten Paul Ábraháms wieder wahrgenommen hätte? Nach dem Ende des (zunächst West-)Berliner Theaters des Westens, das unter Helmut Baumann zur einzigen Musicalrepertoire-Bühne in unserer Stadt und einer der wenigen in Ost und West avanciert war (in München wäre da noch das Gärtnerplatztheater, das bereits in den 1960er-Jahren Musicals spielte, ebenso die Staatsoperette Dresden oder die „MuKo“, die Musikalische Komödie, in Leipzig), gab es lange Zeit bestenfalls importierte Produktionen als Stage-Entertainment-Angebote zu sehen. Das tat der Beliebtheit des Musicals hierzulande keinerlei Abbruch, ließ aber dessen Potenziale und Möglichkeiten unter den hiesigen Verhältnissen bei Weitem absolut unausgeschöpft.

Von Mozart bis „Kiss Me, Kate!“: Barrie Kosky

Barrie Kosky, von 2012 bis 2022 Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, gilt völlig zu Recht als einer der wichtigsten zeitgenössischen Opernregisseure. Kosky hat die Möglichkeiten eines staatlichen Opernhauses genutzt, um herausragende Oper zu machen, grandioses Musiktheater zu inszenieren – bekannte, weltweit gespielte Stücke genauso wie wiederentdeckte, in der Wahrnehmung von Publikum und Kritik lange Zeit vergessene Schätze.

Er hat diese Möglichkeiten aber eben auch sehr genutzt, um mit Wucht eine in Deutschland sich hartnäckig haltende, versteinerte Unterscheidung von E- und U-Kultur einzureißen. Er hat Opern von Schönberg, Mozart, Wagner oder Rameau inszeniert, aber auch „Kiss Me, Kate!“ und „West Side Story“, „Die Perlen der Cleopatra“ und „Eine Frau, die weiß, was sie will“. Er hat die umfangreiche Operetten-Tradition der 1920er und 30er Jahre als Vorläuferin des Musicals neu für ein großes Publikum hervorgezaubert, sie dem Vergessen entrissen und damit eine überfällige Rehabilitierung dieser Tradition vorangetrieben. Das verband sich auch damit, dass klassische Opernstimmen in Operetten- und Musicalaufführungen debütierten, während grandiose Künstler*innen wie Dagmar Manzel oder Max Hopp, die Geschwister Pfister oder Katharine Mehrling die Bretter eines Opernhauses betraten, die dort gewöhnlich nicht zu hören waren.

Dass Barrie Kosky der Komischen Oper und Berlin auch nach dem Ende seiner Intendanz erhalten bleibt und weiterhin regelmäßig hier Musiktheater inszenieren wird, ist ein großes Glück für Berlin und ganz Deutschland. Und doch ist zu wünschen, dass es sein Erfolg an und mit der Komischen Oper nur eine Initialzündung ist für ein neues, sowohl musikalisch als auch schauspielerisch und inhaltlich facettenreiches unterhaltendes Musiktheater in Deutschland.

Für ein Musiktheater, wie es neben Kosky auch Peter Lund mit seinen immer wieder überraschenden, starken zeitgenössischen Musicalproduktionen an der Neuköllner Oper verkörpert oder wie es Johannes Kram und Florian Ludewig derzeit mit der „Operette für zwei schwule Tenöre“ am BKA-Theater vormachen. Ein Musiktheater, in dem queere Thematiken auf der Bühne so verhandelt werden, wie es der Realität „hinter den Kulissen“ schon seit vielen Jahrzehnten entspricht. Ein Musiktheater, in dem „queere Repräsentation“ aber auch nicht auf die Sichtbarkeit schwuler Männer und Beziehungen reduziert ist, sondern die gesamte Vielfalt von Lesben, Bisexuellen, trans*, inter* und nicht-binären, schwarzen und (post-)migrantischen Personen abbildet. Ein Musiktheater also, in dem die reale Vielfalt unserer Gesellschaft(en) vorkommt und das damit auch anders repräsentiert und zu einem diverseren Publikum spricht, als das in der Vergangenheit der Fall war und bis heute oft noch ist.

Viel ist in jüngerer Zeit in der Kunstkritik über die Krise der Kunstform räsoniert worden, die freilich eigentlich eine Krise der Opernhäuser ist. Liegt es nicht nahe, hier zumindest einen Ansatz zu suchen, Musiktheater wieder stärker und relevanter in das öffentliche Bewusstsein zu bringen? Das setzt natürlich einen Common sense voraus, dass Musicals nicht per se schnöder Unterhaltungskommerz sind, sondern eine moderne Kunstform, die ihren Raum braucht und ihre absolute Berechtigung im Kanon der Künste auf der Höhe der Zeit besitzt.

Das Thema kommt nun in der Humboldt-Universität an

Es ist eine große Leistung des Herausgebers, der Autor*innen und des Querverlags, dass dieser Band die vielfältigen Aspekte des und Perspektiven auf das Genre Musical zusammenbringt und für die deutschsprachige Öffentlichkeit sichtbar und zugänglich macht. Es werden auch die Defizite deutlich, nicht nur in der „Programmierung“ der staatlichen Bühnen, sondern auch in der Wahrnehmung des Musicals in der Kritik sowie in Wissenschaft und Forschung. So wird sich dem Thema Musicals und LGBTQ im beginnenden Wintersemester erstmals an der Humboldt-Universität gewidmet, was erfreulich ist. Das evoziert sofort die Frage: Warum gibt es solche Aktivitäten nicht längst? Ich hoffe sehr, dass das vorliegende Buch dazu beiträgt, dass wir uns Fragen wie diese in einigen Jahren so nicht mehr stellen müssen.

Aus den Beiträgen und Interviews, die in diesem Buch versammelt sind, habe ich nicht nur sehr viel Neues erfahren, sondern mich mitunter auch köstlich unterhalten gefühlt, geschmunzelt und gelacht. „Breaking Free“ ist kein sprödes Übersichtswerk, sondern macht Lust auf Musical, ganz besonders auf das Nonkonformistische, Queere, Subversive, das darin stecken kann.

Ich wünsche diesem Sammelband deshalb eine große Leser*innenschaft. Möge er im deutschsprachigen Raum viele Bühnen ermutigen, ihnen Lust machen, Musicals zu spielen (und dieses spannende Genre nicht in Form des Musicalfilms allein den Streamingdiensten zu überlassen). Möge er für die Wissenschaft und Forschung, die Kunstkritik und natürlich vor allem ein immer breiter werdendes Publikum ein weiterer Anstoß sein, den Wert ernsthafter Befassung mit lockerem und unterhaltsamen Stoff zu erkennen. Und möge er insbesondere auch dazu anregen, Musicals mit vielfältigen, sichtbaren queeren und diversen Figuren und Stimmen, Stoffen und Geschichten einem breiten Publikum zu erzählen.

Dieser Text erscheint in dem Buch: Kevin Clarke (Hrsg.): Breaking Free. Die wunderbare Welt des LGBTQ-Musicals. Querverlag, Berlin 2022. 320 Seiten, 29 Euro