Das war kein normaler Abend an der Komischen Oper, es war eine Party. Die Abschiedsparty von Barrie Kosky als Intendant der Komischen Oper. Er hat die Feier selbst inszeniert und alle seine geliebten Spieler eingeladen: Dagmar Manzel, Katharine Mehrling, die umwerfende Ruth Brauer-Kvam, die mit ihrer sexy Interpretation von „Abi Gezunt“ den Ton für diesen fast dreistündigen Abend setzt. Wobei wirklich alle ziemlich umwerfend sind, Sigalit Feig, Alma Sadé, Christoph Marti, Helmut Baumann, der große Max Hopp. Und noch viele mehr.

Und wie bei einer Party wurde getanzt, gesungen, es wurden Witze erzählt, und zwar dermaßen unter der Gürtellinie, dass sie aufgrund des fehlenden Kontexts hier nicht wiedergegeben werden können. Man muss schon hingehen, was man sowieso unbedingt tun sollte. Noch neun Mal hat man die Gelegenheit und dann nie wieder.

Es war ein Abend, der sprudelte vor Spielfreude, auch wenn die zweite Hälfte sich zum Ende hin etwas zog, weil Barrie Kosky sich einfach nicht verabschieden kann. Aber der einzige wirklich große Fehler war, dass der Zuschauerraum der Komischen Oper nicht auch eine Tanzfläche war, denn manchmal wäre man gern aufgesprungen und hätte mitgetanzt. So musste man sich darauf beschränken, sitzend zu wippen und die von Otto Pichler choreografierte Tanztruppe zu beobachten, die zu einer Art Markenzeichen von Barrie Koskys Inszenierungen geworden ist. „Brother in Arms“, nannte Kosky Pichler später, als sie sich beim Schlussapplaus um den Hals fielen. Die Tänzer waren den ganzen Abend lang toll, aber wie sie in gelb-blau gestreiften Liebestötern zu „Makin’ Wicky Wacky Down in Waikiki“ die Hintern schwenkten – ach!

Adam Benzwi – es gibt keinen Besseren in Berlin, wenn Musik swingen soll

Die eigene Tanzlust konnte man auch auf den Mann im Graben projizieren, Adam Benzwi, dessen Arrangements und Dirigat das Orchester der Komischen Oper auch wirklich in die Borscht Belt Swingers verwandelte, als die sie an diesem Abend auftraten. Es gibt keinen Besseren in Berlin, wenn Musik swingen soll. Und die Verve, mit der dieser Mann agiert und noch dazu jedes Stück lautlos (?) mitsingt, ist eine eigene Performance.

„Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue“ ist eine Nummernrevue mit 21 Stücken, es gibt keine Geschichte und eine Dramaturgie nur insofern, als sich mitreißender Swing und Melancholie abwechseln. Wann hat man je eine so schwermütige Interpretation von „Bei mir bistu schein“ gehört. Und fast alle Stücke werden auf Jiddisch gesungen. Die in die Rückenlehnen eingelassenen Displays, auf denen sonst die Übersetzung zu sehen ist, bleiben dunkel. So kann man sich darauf konzentrieren, wie nah das Jiddische dem Deutschen ist. Barrie Kosky betätigt sich mit dieser Revue wieder als Archäologe und Aufklärer in Bezug auf jüdisches Musiktheater, auf das also, was er die letzten zehn Jahre als Intendant der Komischen Oper betrieben hat mit Inszenierungen wie „Ball im Savoy“, „Die Perlen der Kleopatra“ oder „Moses und Aron“.

Komische Oper Berlin
Dominik Köninger mit dem Tanzensemble in der Revue „Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue“ in der Komischen Oper

Es ist die Musik des Borscht Belt, die Kosky diesmal auf die Bühne bringt, das war eine Gegend in den Catskill Mountains in der Nähe von New York City. Hier entstanden in den 1950er- und 1960er-Jahren Sommerhotels und Kasinos, die sich Juden bauten, weil sie aufgrund des grassierenden Rassismus zu anderen Hotels keinen Zutritt hatten. Und dort entstand eine eigene Unterhaltungskultur. Die Musik des Borscht Belt klingt nicht wie die von etwa Paul Abraham, wie Musik der jüdischen Operetten der Weimarer Republik, aber sie steht doch in dieser Tradition. Und deshalb stimmt auch für dieses Programm, was Barrie Kosky merklich bewegt am Ende des Abends sagt, als er sich mit minutenlangen Standing Ovations auf der Bühne feiern lässt: „Diese Revue ist ein Versuch zu sagen: Die Nazis haben nicht gewonnen, Hitler hat nicht gewonnen.“

Barrie Koskys Kampf gegen den deutschen Hochkultur-Snobismus

Und die Inszenierung ist auch eine weitere Etappe in Barrie Koskys Kampf gegen den deutschen Hochkultur-Snobismus. „Entertainment ist kein dreckiges, schmutziges Wort für mich, Entertainment ist das, was Shakespeare gemacht hat, was Euripides gemacht hat, was Molière gemacht hat. Und Richard Wagner hat das auch gemacht. Bitte, Deutschland!“ Das Deutschland, das an diesem Abend in der Komischen Oper versammelt ist, johlt ganz unsnobistisch.

Komische Oper Berlin
Ruth Brauer-Kvam in „Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue“ in der Komischen Oper

Zehn Jahre lang war Barrie Kosky Intendant der Komischen Oper, er hat das Haus geprägt, es zu einer Marke gemacht, die weit über Berlin hinausstrahlt. Susanne Moser und Philip Bröking treten nun seine Nachfolge an und nach einer weiteren Spielzeit in der Behrenstraße in Mitte wird das Haus saniert und erweitert, währenddessen zieht die Komische Oper in das Schillertheater in Charlottenburg, wird dort spielen, aber auch an anderen Orten in Berlin. Doch Barrie Kosky geht zum Glück nicht ganz. Der Kultursenator hat mit ihm verabredet, in den kommenden fünf Jahren zwei Inszenierungen pro Jahr an der Komischen Oper zu machen. Die für die Spielzeit 2022/2023 stehen schon fest: ein Berlin-Abend mit Songs von Kurt Weill „Und mit morgen könnt ihr mich …“ mit Katharine Mehrling und das Musical „La Cage aux Folles“. Die Premiere am 28. Januar 2023 ist schon so gut wie ausverkauft.

Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue: wieder am 12., 15., 18. und 21. Juni. www.komische-oper-berlin.de