Bubi-Balladen und „Get Down“-Highs: Backstreet Boys in der Berliner Benz-Arena

Die fünf Herren kennen noch immer die Hintertür zu unseren Herzen. Zweimal spielten sie nun vor vollem Haus in Berlin – und verschenkten feuchte Unterhosen

Die Backstreet Boys in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin
Die Backstreet Boys in der Mercedes-Benz-Arena in BerlinRoland Owsnitzki

Backstreet's back, alright! Und nun schon am zweiten Abend in Folge, an diesem Donnerstag in der Benz-Arena, die ihre Mehrzweckhaftigkeit wieder bravourös unter Beweis stellt: Hier gehen nicht nur Handball, Basketball und Eishockey – sondern auch (am Dienstagabend) die subtilen Trauma-Schattenspiele von Kendrick Lamar, dem wohl wichtigsten Rapper der Gegenwart, und dann direkt am Mittwoch und am Donnerstag: ein kollektives Autoscooter-Kurven zurück in die Neunziger. In die Zeit, als wir zwischen Ende des Kalten Krieges und 9/11 irgendwann einfach mal restlos glücklich waren und das größte Problem unserer Lebens darin zu bestehen schien, dass der Bravo-Starschnitt der Backstreet Boys nicht an der Raufasertapete kleben wollte.

„Wir wollen, dass ihr euch wieder fühlt wie damals, als ihr zehn oder zwölf wart“, rufen die Backstreet Boys auch frei heraus, schon früh am Abend , kurz nach 21 Uhr, nachdem sie mit „Everyone“ die Backstreet-Spiele eröffnet haben. Und während die fünf zu Männern gewordenen Boys beweisen, dass sie auch Ü40 ihre (wenn auch nicht mehr ganz so zackigen) Moves draufhaben, beweist das Publikum zurück, dass es immer noch verdammt gut kreischen kann. Party like it's 1999. Wetten, dass? Insbesondere, wenn sie das Publikum mit Bonmots anstacheln: „That's right!“ oder „Berli-i-in!“, dann eskaliert die Stimmung auf einem Energielevel irgendwo zwischen ADHS-Kindergeburtstag, Pyjamaparty, auf der man zu viele Snickers genascht hat und Junggesellen-Abschied im S-Bahn-Waggon um zwei Uhr nachts. Eher Junggesellinnen-Abschied.

Nick Carter mit Backstreet-Burschi-Schmelz

Die Frauen überwiegen im Publikum. Manche davon haben offenbar ihre Männer mitgeschleift, die hoffentlich genug Ego besitzen, um sich per Dauerloop vorführen zu lassen, dass eigentlich nicht sie die erste Liebe waren, sondern (wahlweise) Nick, Brian, Howie, AJ oder Kevin. Und vermutlich läuft das bei den (eher wenigen) Männerpaaren im Publikum auch ähnlich, wobei die dann ihre Backstreet-Crushes besser miteinander abgleichen können.

Erster Höhepunkt des Abends: Als der Bass so schön viervierteltaktig stampft bei „Get Down“, gibt es kein Halten mehr: „Get down, get down / and move it all around“. Es ist ein Kollektives High, bei dem die Hände in den Himmel langen, als gäbe es da oben keine Hallendecke mit gigantomanischem Mercedes-Stern. Die Boys können aber eben nicht nur Tanzboden-Bum-Bum, sondern auch Bubi-Balladen. Bei „Show Me The Meaning Of Being Lonely“ suhlt man sich gemeinsam, nun doch etwas down, im Herzensleid. Die Stimmen der fünf sind erstaunlich gut in Form. Die von Nick Carter hat sogar wahrlich noch diesen Backstreet-Burschi-Schmelz.

Zweimal volle Hütte und der Boden klebt vor Bier

Immer wieder beschwören die fünf (die abwechselnd auch mal allein auf der Bühne Standup machen oder als Backstreet-Bro-Paar zu zweit), wie krass das auch für sie ist, hier nach 29 Jahren Laufbahn (soll man sagen: Schwebebahn?) gleich an zwei Abenden vor voller Hütte zu spielen. Und das in Deutschland, wo sie ihre erste goldene Schallplatte bekamen. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber: Die Debüt-Platte der fünf aus Orlando wurde 1996 ja in den USA gar nicht veröffentlicht, sondern nur in Europa. Erst ein Jahr später stellte sich auch auf der Homebase USA der Erfolg ein. Nun führt die „DNA“-Tour die Backstreet Boys bei über 150 Shows weltweit zu fast einer Million Zuschauer. Aber die werden ja kaum alle so gut kreischen können wie wir hier in „Berli-i-in“? - „That's right!“

Eine Band brauchen die Backstreet Boys nicht auf ihrer „DNA“-Tour, also echte Instrumente; die kommen allesamt vom Konserven-Band, und man steht auch dazu. Die Backstreet Boys sind selbst die Band, und man kann nur staunen, wie sie vor rund 25 Jahren ein Dutzend Hits in unser kollektives Klanghirn, ja, in unsere DNA gefräst haben. Und diese Hits spielen sie an diesem Donnerstagabend in der Benz-Arena auch alle, klar, weil: Die neuen Nummern von der „DNA“-Platte sind halt eher so, dass man sich mal schnell Bier holen will und dabei offenbar auch gerne was verschlabbert, denn der Hallenboden klebt im Laufe der zwei Stunden Show merklich. Ob auch der Bühnenboden oben klebt? Ganz so schnell wie früher blitzen die Boys ja doch nicht mehr über den Floor, was etwas kaschiert wird durch die hypernervösen Laserlichter und Visuals, die durch den Raum wabern wie Windows-Bildschirmschoner.

Sind das Schweiß-, Pipi- oder Lusttropfen?

Von „Shape Of My Heart“ über „Quit Playing Games (with My Heart)“ lassen die Boys keine Wünsche offen – wozu auch.  „Quit Playing“ handelt ja sogar davon, wie gerne man die Zeit zurückspulen würde, „impossible as it may seem / but I wish I could“. So als wäre auch die Zeit nur ein Oldschool-Kassettentonband. Zwischendurch erfüllen uns die Boys sogar kinky Wünsche, AJ und Kevin kleiden sich auf offener Bühne um, wobei, nicht ganz offen, sondern hinter einem schulterhohen Paravent. Dann halten sie ihre Unterhosen in die Kamera, die ein bisschen feucht aussehen: Sind das Schweiß- oder Lusttropfen? Oder geht da gerade die Phantasie mit uns durch? Die beiden schleudern ihre Unterbuxen jedenfalls ins Publikum mit einer Verve, so wie sie einst mit BHs befeuert wurden, in einem Früher, das sich an einem solchen Abend wie ein Vorgestern anfühlt. Gegen Ende hin werden uns Hochglanz-Homevideos präsentiert vom Hetero-Familienglück der fünf Freunde. Alle haben sie schon Kinder. 1996 war also vermutlich doch nicht vorgestern.

„I Want It That Way“ gibt's zum Finale, wobei AJ mit großer Effekthascherei die finale Zeile in „I Want It Berlin-Way“ umwandelt. Berli-i-i-i-in, aber hallo! That's right! Allzu lang lassen sich die Boys nicht bitten, sondern kommen noch mal für zwei Songs hoch, zuletzt „Larger Than Life“, so wie auch ihre Las-Vegas-Show einst hieß, wo sie zwei Jahre lang im Wüsten-Casino spielten. Überlebensgroß, larger than life, sind sie ja auch wirklich, die Boys. Deshalb brauchen sie auch keine Flammenwerfer oder sonstigen Pyro-Schnickschnack: Ein bisschen Konfetti und Luftschlangen reichen als Show-Abschluss, so wie einst auf dem Kindergeburtstag.

Als die Backstreet Boys um kurz vor elf fertig sind, haben die anderen Five Guys (so der Name eines Burgerladens gegenüber vom Arena-Ausgang) längst geschlossen. Auf dem Weg zur S-Bahn geben verschiedene Gitarren-Boys ihre Backstreet-Cover-Künste zum Besten, wobei einer interessanterweise „As Long As You Love Me“ mit „Let It Be“ kreuzt. Backstreet Beatles. In der S-Bahn summen einige noch Backstreet-Songs. Diese fünf Herren aus Orlando, sie kennen eben immer noch „that way“ zur Hintertür in unsere Herzen, auch hier in Berli-i-in, that's right.