Berlin - Sein Weg in die Schauspielerei verlief über seine äußere Erscheinung, eine robuste Männlichkeit, Typ Herzensbrecher. Tatsächlich aber waren es oft fragile Typen, die Kris Kristofferson Anfang der 1970er-Jahre in einer Reihe von Filmen darstellte.

Er war bereits deutlich jenseits der 30, als er an der Seite von Ellen Burstyn in Martin Scorseses erstem Erfolgsfilm „Alice lebt hier nicht mehr“ reüssierte. Es war ein Roadmovie über den Weg einer alleinerziehenden Mutter in die Freiheit. Ellen Burstyn brachte der Film, in dem Kris Kristofferson einen Farmer spielt, bei dem Alice es ein wenig länger aushält als erwartet, einen Oscar ein.

Natürlich ist der Farmer auch ein Westerner, ein aussterbender Zivilisationstyp, wie Kris Kristofferson ihn auf morbide Weise in Sam Packinpahs düsterem Western „Pat Garrett jagt Billy The Kid“ dargestellt hat – ein lustloser Held auf dem Weg in den Tod. Der Film handele, so hat es treffend der Produzent Gordon Carroll zusammengefasst, von einem Mann, der nicht fliehen will, verfolgt von einem, der ihn nicht fangen will. Ein Roadmovie also auch das, getragen von der elegischen Filmmusik Bob Dylans, der in einer ursprünglich sogar größer vorgesehenen Nebenrolle ebenfalls mitgespielt hat. „Pat Garrett“ gilt als Spätwestern, in dem das Genre selbst an die Himmelstür zu klopfen schien: „Knockin’ On Heaven’s Door“.

Kris Kristofferson wurde fortan wiederholt in der Rolle des Melancholikers am zivilisatorischen Rand besetzt, etwa in Michael Ciminos Western „Heaven’s Gate“ oder auch in Alan Rudolphs Dystopie „Trouble in Mind“. An der Seite von Barbra Streisand gibt er den heruntergekommenen Rockstar in „A Star Is Born“, 1976 streifte die Rolle, die 2018 noch einmal Bradley Cooper neben Lady Gaga eingenommen hatte, hinsichtlich der persönlichen Krisen und Alkoholabstürze gefährlich nah die Erfahrungswelt des Musikers Kristofferson. „The beer I had for breakfast wasn’t bad“, heißt es in „Sunday Morning Coming Down“.

Angesichts seiner Bedeutung als Country-Musiker und Repräsentant der sogenannten Outlaw-Bewegung, die das Country-Genre von seinem reaktionären Image zu befreien versuchte, wurde seine schauspielerische Karriere eher als Nebenprodukt des Musikers aufgefasst, der mit „Me and Bobby McGee“, „Help Me Make It Through The Night“ und eben „Sunday Morning Coming Down“ weit über die Country-Welt hinausweisende Pop-Evergreens geschrieben hat. In Janis Joplins bluesig-folkiger Version wurde „Bobby McGee“ zur Freiheitshymne einer Generation, die bereitwillig mit der Erfahrung des Verlusts kokettiert. Um das Gefühl, nichts zu verlieren zu haben, aushalten zu können, bedarf es aber wohl auch einer prosperierenden Umgebung, in der man zumindest die Aussicht erhält, per Anhalter an der nächsten Straßenecke mitgenommen zu werden.

Kris Kristofferson, vor 85 Jahren im Countryland in Brownsville Texas geboren, war allerdings selten auf die Gnade anderer angewiesen, obwohl ihm die Nähe zu Musikerfreunden wie Johnny Cash, Willie Nelson und Waylon Jennings stets etwas bedeutete. Mit über 80 trieb es ihn immer noch auf die Bühne, und in seinem vorerst letzten Film „Blaze“ von 2018 spielte er unter der Regie von Ethan Hawke den Vater des Musikers und Außenseiters Blaze Foley, der auf tragische Weise ums Leben kam. Einfach nur heimkommen war Kris Kristoffersons Sache nie.