„So steht es also derzeit um den amerikanischen Traum – Norman Fucking Rockwell!“, sagte Lana Del Rey über ihr letztes Album und dessen Titelhelden. Das Land fiel in der Ära Trump, sollte das heißen, zurück auf die Werte, die Rockwell in den 40er-Jahren mit seinen Illustrationen der weißen, gläubigen, familienzentrierten US-Provinz verklärte. Del Reys Blick darauf ist dabei nicht nur zynisch. Aber ihr Gesamtwerk wirkt wie ein musikalischer Film Noir über das amerikanische Glücksversprechens und seine popkulturellen Interpretationen. Und der war ihr nie, so die begeisterte Meinung von Kritik und Publikum, besser als auf „NFR“ gelungen.

Von Rockwell zum Country Club führt ein kurzer Weg, ebenso wenig überraschend hängen bei Del Rey giftige Kondensstreifen über dieser gutbürgerlichen Institution. „Chemtrails Over the Country Club“, ihr siebtes Album, bewegt sich thematisch auf vertrautem Lana Del Rey-Terrain, und es wirkt wie die Fortsetzung des Vorgängers – nicht zuletzt sieht sie den Countryclub auch von der unter Verschwörungstheoretikern beliebten Idee bedroht, dass böse Eliten mit den Chemtrails empfängnisverhütendes Gift streuten. Im Groben richtet sie sich wieder an der Ästhetik des Vorgängers aus. Die seit dem zweiten Album „Born to Die“ immer wieder erneuerten Flirts mit HipHop-Beats fehlen hier bis auf kleine Andeutungen fast ganz. Stattdessen verneigt sie sich, wie auf „NFR“ und auch diesmal produziert von Jack „Taylor Swift“ Antonoff, mit viel geisterhaftem Studiodunst über Klavier und akustischen Gitarren vor dem L.A.-Sound von Neil Young, Carole King und Joni Mitchell, deren „For Free“ sie zum Schluss sehr zart covert.

Foto: Neil Krug
Lana Del Rey flüchtet aufs Land.

Mit vielen ländlichen Andeutungen scheint sie nun auch deren Landflucht nach dem ersten Hype zu wiederholen, von L.A. in den Laurel und gleich weiter zum abgelegenen Topanga Canyon. Ihre Hollywoodnostalgie, insbesondere die panoramischen Streicher, färbt aber auch dieses Album. Nur denkt man eher an Joan Crawford im Western „Johnny Guitar“ als an Barbara Stanwyck in „Frau ohne Gewissen“ – wenn du zum Macho gehst, vergiss die Peitsche nicht.

Im Video zum Ende Januar veröffentlichten Titelsong fährt sie in einem glamourösen Mercedes-Cabrio aus den Dreißigerjahren durch hügelige Landschaft und ein paar Jahrzehnte voll strahlend sonniger Picknicks, Landsitz-Pools und Soccer Moms – bis ein Pop-Gewitter hereinbricht, in dessen psychedelischen Strudeln sie sich mit einem Rudel weiblicher Werwölfe der Verführung und Lust hingibt. Sie seufzt von der Sehnsucht nach Hausfrauenpflichten, Luxusleere und Kinderbetreuung, aber erstmal fletscht noch das haltlose Begehren die Zähne. „Mein Mond steht im Löwen, Krebs ist meine Sonne“, erklärt sie über ihr Horoskop.

Traditionelle Klischees mit einem zeitgenössischen Selbstbewusstsein

Es gibt nun Leute, die das wörtlich nehmen und nicht als ziemlich virtuoses, wenn auch zweifellos ambivalentes Spiel mit popkulturellen Referenzen und Stereotypen verstehen. Mit ihren jüngsten unerfreulichen Privatäußerungen hat sie sich da keinen Gefallen getan. Andererseits: warum sollte ein Werk nicht klüger sein als seine Autorin?

Dabei mischt Del Rey ja auch musikalisch raffiniert traditionelle Klischees mit einem zeitgenössischen Selbstbewusstsein. „Chemtrails“ ist in diesem Sinn ein klassisches Del Rey-Stück, eine schwül schläfrige Midtemponummer, mit Breitwandstreichern, singenden Gitarren und einer unruhigen Melancholie, die sich wie die Protagonstin in dunklem Rauschen verwirrt. Die zweite, etwas Lana-nach-Zahlen-dramatisierte Single „Let Me Love You Like a Woman“ scheint ein üblicher Herzbruchsong zu sein – „Ich bin jetzt soweit, L.A. zu verlassen/ Du musst nicht mitkommen, aber dann ist es weniger lustig.“

In einem anderen Stück zitiert sie „Wild at Heart“, David Lynchs Road Movie um eine fatale Amour Fou, zu einer gezupften Gitarre, um die sich im Refrain ein dichter Classic Rock mit viel Hall aufplustert. In  der elektronisch vernuschelten Ballade ruft sie gegen die Untiefen des Lebens ihre L.A.-Vollbilder „Joni“ und „Stevie“ Nicks an und biegt zwischendrin überzeugend cool in einen Countryrock nach Art Neil Youngs ab (den sie auf „Rockwell“ zitiert hat). In „Breaking Up Slowly“ beendet sie („macht mich blau, muss aber sein“) eine offenbar ungesunde Beziehung in einem Keyboard- und Celloverschmurgelten Countrywalzer.

Das alles würde schon für ein sehr gutes LDR-Album reichen, auch wenn es weniger geschlossen als „Rockwell“ gebaut ist. Aber mit „White Dress“ schenkt sie uns ihren wenn nicht besten, aber aufregendsten Song überhaupt. Die 35-Jährige blickt darin auf eine Zeit als Kellnerin zurück, im weißen Kleid, 19 und verliebt. Genauer hingehört, singt sie jedoch auch von Unsicherheit und einer unerbittlichen Musikindustrie – und wie sie die Stimme halb gehaucht, halb extatisch bis fast zur Unhörbarkeit hoch presst, bekommt ihr nostalgisches Sehnen eine beinah panische Note – noch in den guten alten, „einfacheren Zeiten“ lauert ein tiefer Schrecken, nur halb bewusst und unbewältigt.

Lana Del Rey: „Chemtrails Over the Country Club“ (Urban / Universal Music)