Die heilende Kraft der Musik ist ein altbekanntes Pathosbild. Nicht so bei den Filles de Illighadad: „Medikamente kaufen, dem Dorf helfen, meine Brüder und Schwestern unterstützen“, antwortete Fatou Seidi Ghali im Interview mit der britischen Tageszeitung The Guardian auf die Frage, was sie mit ihrer Band bewirken wolle.

Glück, Glanz, Ruhm haben in der Welt der Filles erstmal keinen Platz, ihre Musik kommt aus der kommunalen Mitte des kleinen Orts im Westen Nigers, nach dem sie sich benannt haben. Für Ghali und die zweite Gitarristin Fatimata Ahmadelher ist es schon bemerkenswert, dass es ihre Band überhaupt gibt. Sie sind vielleicht nicht die ersten weiblichen Tuareg an der Gitarre, aber die einzigen, die professionell und jenseits des Afrikas am Rand von Sahara und Sahel veröffentlichen und auftreten. Das neue Album „At Pioneer Works“, aufgenommen in einem Brooklyner Kulturzentrum, ist ihr drittes seit 2016. Wie die beiden zuvor erscheint es auf dem kleinen Label Sahel Sounds des US-Amerikaners Chris Kirkely. 

Im traditionellen Folk der Tuareg 

Mit Acts wie den malischen Tinariwen und Tamikrest wurde der gitarrengeprägte Desert Blues der Tuareg im letzten Jahrzehnt in der westlichen Popmusik bekannt, jedenfalls an jenen Pop-Rändern, die noch unter dem albernen Begriff Weltmusik laufen - Tinariwen gewannen in dieser Kategorie 2012 sogar einen Grammy. Der Erfolg verdankt sich dabei auch den Rockeinflüssen, die sie ihren Folkmustern beigeben. Aber natürlich hängt er am Vertrieb durch westliche Labels. Einen Markt, wie wir ihn kennen, gibt es in der Region nicht. Eine der ersten Veröffentlichungen von Kirkleys Label hieß  „Music from Saharan Cellphones“, was ganz wörtlich zu verstehen ist: Wegen mangelnder Infrastruktur und bröckliger Netzlage kursiert Musik durch Datentausch am Handy.

Dass wir vor allem männliche Künstler kennen, hat indes nur bedingt mit der musikalischen Wirklichkeit zu tun. Die soziale Rolle der Frauen ist zwar stark beengt, und Ghali musste sich ihr Spiel heimlich selbst beibringen. Aber im traditionellen Folk der Tuareg geben Musikerinnen an der Tendé-Trommel im im Gesang den Ton an.

Bei den Filles stehen die traditionellen rhythmischen Muster der Drums auch stärker im Vordergrund, doch Ghali und Ahmadelher bestimmen mit ihren sacht leiernden, repetitiven Mustern den Raum. Mit den Unisono-Chants entsteht daraus eine hypnotisch saugende Bewegung. Auf den sechs längeren Tracks des Konzerts herrscht ein dichter, ebenso gleichmütiger wie innerlich dynamischer Groove. Fern und zumal in kleinen Soloschlaufen erinnert er an die archaischeren Blues des US-Südens und zum Schluss an den Folk der Appalachen - ein mehrfach gespiegeltes Echo von Sounds, die ebenso kommunal verwurzelt wie weit gereist sind.

Les Filles de Illighadad: „At Pioneer Works“ (Sahel Sounds/ Cargo) erscheint am 9. Juli