Erzählt ihm nix vom Pferd! Lil Nas X ist der Superqueero der Max-Schmeling-Halle

Lil Nas X, 23, hält seit „Old Town Road“ 2019 den Rekord an der Spitze der US-Single-Charts. Nun ist er erstmals auf Tournee: ein Glitzerabend in Berlin.

US-Rapper Lil Nas X 
US-Rapper Lil Nas X Aaron Idelson

Obwohl noch Leute Pommes rot-weiß naschen am Mittwochabend um 21.05 Uhr in der Max-Schmeling-Halle, kann man sich doch fast wie in einem gigantischen Theater fühlen, angesichts des rot angestrahlten Bühnenvorhangs, den zwei imposante goldfarbene Arabesken-Säulen einrahmen. Akt 1 „Rebirth“, Wiedergeburt, wird uns qua Lettern angekündigt, und die Crowd zückt zahlreich ihre Smartphones, als sich der Schattenriss von Lil Nas X auf diesem Bühnenvorhang abzeichnet. Lil Nas X beugt sich weit ins Hohlkreuz zurück, und der Vorhang gewährt, endlich, freien Blick auf das Idol. Sternenhimmelhintergrund.

Als der zum Mitstampfen einladende Beat einsetzt zu „Panini“, dem Eröffnungssong, laufen die Nebelkanonen vor der Rampe schon auf Hochtouren. Von Sparflamme kann keine Rede sein. Nein, hier geht’s um maximalen Exzess, mit einem Dutzend High-Energy-Tänzern, und es passt zum Song, den Lil Nas X sicher sehr bedacht als Opener ausgewählt hat für seine erste Konzerttournee überhaupt – denn auch „Panini“ handelt von Leuten, ja, auch Fans, die ihn zwar mögen, aber lieber klein hätten und nicht als Superstar. Lil Nas X erteilt ihnen im Song und auch in seiner Show nun eine Absage. Ohne Groll, aber mit sehr viel Nachdruck. „Berlin, I need some water“, sagt er dann schon bald, im goldenen Gladiatoren-Croptop, und niemand könnte daran zweifeln.

Lil Nas X mit Tänzern 
Lil Nas X mit Tänzern Aaron Idelson

Lil Nas X, das größte Pop-Märchen der letzten Jahre: Im April 2019 (da war Lil Nas X schon eine TikTok-Ikone) stürmte sein Song „Old Town Road“ an die Spitze der US-Charts – und blieb dort sagenhafte 19 Wochen. Lil Nas X knackte damit den vorigen Rekord von Mariah Carey und Boyz II Men. Gerade 20 war Lil Nas X zu dem Zeitpunkt. Beflügelt vom Erfolg und vom großen Regenbogen-Pride, den er im Juni 2019 sah, packte Lil Nas X dann auch den Mut zusammen für sein schwules Coming-out. Dem Charts-Überflug tat es keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Und der Aufstieg von Lil Nas X war auch eine Botschaft an queere Teenager in aller Welt, von Harlem bis Halle, dass sie sie selbst sein und erfolgreich sein können. Ja, mehr noch: Da „Old Town Road“ ein sonderbarer Hybrid aus HipHop und Country ist, stellte Lil Nas X auch klar: Natürlich nimmt er sich, entgegen landläufiger Klischees, das Recht heraus, als junger schwuler Mann HipHop und als Nicht-Weißer auch Country zu zelebrieren. 

Lil Nas X tut, worauf er Bock hat. Er ist der Superqueero schlechthin und auch heute Abend: Selbstverständlich steht „Old Town Road“ auch auf der Setlist in der Schmeling-Halle, zum Ende des ersten Aktes hin. Ein metallenes Pferd wird auf die Bühne gezogen, so als wären wir in Troja. Zu dem Zeitpunkt haben wir Lil Nas X schon vor einer Wüstenskyline und als violetten Avatar mit Schmetterlingsflügeln gesehen, und er gönnt sich auch kurz einen Kostümwechsel, derweil die Crew sein Jugendzimmer-Bett weg von der Bühne rollt. Wiedergeburt halt. Und die kam natürlich 2019 mit dem Megahit, und als Lil Nas X ihn am Mittwochabend in Prenzlauer Berg singt, gehen die Fans ab als säßen sie selbst auf Rodeorossen. „You can’t tell me nothing“, singt Lil Nas X. Frei übersetzt: „Erzählt mir nix vom Pferd!“ Der Future-Country-Hit mutiert final in einen Dancefloor-Banger, und die Outfits strahlen weiß wie auf einer Hochzeit in Las Vegas.

Lil Nas X
Lil Nas XAaron Idelson

Pirouetten, Salto, Spagat, Schmetterlinge

„Transformation“ heißt der zweite Akt. Nordlichter im Hintergrund, davor ein barbiepinker Barockpalast als Bühnendekoration. Transformation heißt hier wohl auch: Plüsch-Palast-Revolution! Eine Lichterfront blinkt wie beim Autoscooter. Nach einer fulminanten Voguing-Tanz-Einlage zu „Pure/Honey“ vom neuen Beyoncé-Album „Renaissance“, das die queeren, nicht-weißen Wurzeln von House feiert, das Herzstück des zweiten Aktes: „That’s What I Want“, einer der Hits des Debüt-Albums „Montero“, das, wie nun auch die „Long Live Montero“-Tour, den bürgerlichen Vornamen von Lil Nas X trägt. Er wünscht sich im Song (und sicher auch im Leben) einen, der ihn braucht und will, yes.

Deutlich sexueller dann schon Akt 3, zum Bumsen süß: „You’re cute enough to fuck with me tonight“, singt Lil Nas X in seiner Glitzerhose im Song „Montero“, derweil ein Wasserfall rauscht und Hortensien vor giftgrünem Gras blühen. Die Tänzer, nunmehr oberkörperfrei, gewähren Blick auf ihre gestählten und dabei auf wundersame Weise doch so federleicht scheinenden Körper. „Wer will hochkommen und seinen Hintern schwenken“, stachelt Lil Nas X die Fans zum Stage-Run an, und ein paar dürfen tatsächlich kurz hoch. Lil Nas X selbst twerkt dabei als gäbe es kein Übermorgen. Ja, mehr noch: Er vollführt einen Spagat, einen Salto aus dem Stand und einen Moonwalk 3.0. Wie eine Eisprinzessin dreht er Pirouetten. Bei den Blechbläser-Fanfaren zu „Industry Baby“ räkeln sich die Tänzerboys auf der Bühnentreppe während Lil Nas X, vor Selbstbewusstsein strotzend, die Rampe abschreitet. Und zur Zugabe, der neuen Single „Star Walkin’“ schweben im Laserlicht Unmengen Papier-Schmetterlinge. Konfettiregen war gestern. Kaum 70 Minuten war die Show lang, doch Lil Nas X hat geliefert.

So sehen es auch die Fans: Während fix nach der Show die Papierschmetterlinge weggekehrt und die Theaterbühne abgebaut werden, erzählt uns Murat, 15, wie toll er das finde, dass Lil Nas X so frei mit seiner Sexualität umgehe. Blazey, 23, in Netzhemd und Lederhose, der mit seinem Date Dior mit dem pinken Stirnband, hier ist und während der Show eng umschlungen getanzt hat, ist zwar etwas enttäuscht vom vielen Playback und davon, dass Lil Nas X so unnahbar blieb – Spaß hatten die beiden aber offensichtlich dennoch – wie auch Tim, 29, der ganz vorn im Innenraum stand, wo, so sagt er, ob der Enge niemand getanzt habe. Einer, der höchst energetisch getanzt hat, am Geländer auf dem Unterrang, ist Sebastian, 12, der mit seiner Mama Claire, 29, zum Konzert kam. Auch Sebastian schwärmt von den tollen Voguing-Tänzern auf der Bühne. Und natürlich von seinem Idol Lil Nas X: „Lil Nas X singt darüber, dass er gerne einen Mann möchte – und dass er als schwuler Mensch frei sein will, egal was andere sagen.“ Dabei strahlt Sebastian, und es ist nicht nur das Glitzer-Rouge auf seinen Wangen.