Berlin - Eltern sind üblicherweise stolz auf ihre Kinder. Jedenfalls auf die Kleinen. Es gibt ja auch gute Gründe, über das hörbare Ploppen der sich verknüpfenden Synapsen ins Schwärmen zu geraten. Dass sie darüber vergessen, dass dies andererseits bei allen so ist, sollte man mit Nachsicht betrachten.

Bei Elizabeth Hart und Ivan Diaz Mathé hat die geglückte Zeugung zu einer recht speziellen Idee geführt, gegen die sich auch das Posten von verschwommenen Ultraschallbildern bescheiden ausnimmt. Luca Yupanqui dürfte die jüngste Debütantin der Popgeschichte sein, ihre Aufnahmen entstanden, wie der Albumtitel „Sounds of the Unborn“ korrekt erklärt, vor ihrer Geburt. Yupanquis Eltern kommen selbst aus dem Gewerbe, Hart spielt im experimentellen New Yorker Rockprojekt Psychic Ills, Mathé arbeitet als Produzent, und die beiden haben in „gemeinschaftlichen Dreiermeditationen“ mit „biosonischer MIDI-Technologie“ die Klänge aus dem Mutterleib verstärkt, aufgenommen und zu frei strömenden Tracks geformt.

Als Novelty-Gag erinnert das an Experimentalisten wie das Elektro-Duo Matmos, das seine digitalen Möglichkeiten dazu benutzte, um zum Beispiel 2001 aus den Geräuschen von Schönheits-OPs – Fettabsaugen und so was – schmeichelnde, elegante House-Nummern zu basteln.

Wenn das Baby im Studio reagiert

Das Yupanqui-Trio neigt mehr zur Abstraktion. Naturgemäß klingen die Sounds recht subaquatisch, sie dringen schließlich aus einer mit Flüssigkeit gefüllten Blase hervor. Es herrscht eine gewisse Dub-Atmosphäre (Mathé hat erfolgreich mit Lee Perry gearbeitet), durchzogen von Blubbern, Zischen, Pfeifen, weichem Bumpern, Knarren; der Beat besteht demgegenüber aus einem sehr raschen, aber unterschiedlich schnellen Pochen – die BPM-Zahl des fetalen Herzens schwankt stark zwischen 120 und 160.

Die Schönheit liegt wie immer bei konkreter Musik unter anderem im Erlebnis reiner Klanglichkeit. Wenn also vermutlich nicht musikalisch geplante Klänge aus dem menschlichen Alltag plötzlich musikalische Qualität bekommen. Dabei entsteht aus der Rückkopplung mit dem ursprünglichen Kontext ein Aha-Effekt: So klingen der Frosch, die Stille, das Wunder des Lebens, wenn man mal hinhört! Die intimen „Sounds of the Unborn“ wirken so spacig und künstlich, als kämen sie von ganz weit draußen, sehr ungewöhnlich, sehr spannungsreich, so psychedelisch wie der verfremdete Garten, in dem auf dem Albumcover Elizabeth Hart das luftlose Prä-Kinderzimmer (den Mutterbauch) präsentiert.

Übrigens war die kleine Luca nach ihrer Geburt am Frickelvorgang im Studio beteiligt. Die Eltern meinen, ihr Baby habe bei der Produktion reagiert, als ob es sich an Klang und Sessions erinnere. So anschmiegsam und aufregend das Milieu klingt, so feucht und wattig vieles wirkt, gibt es, abgesehen vom nervösen Rhythmus, viel Beunruhigendes, Dunkles, Grummliges, Gereiztes. Die fetale sonische Erfahrung besteht offenbar nicht nur aus begriffsloser Geborgenheit oder reinem Sein. Was natürlich auch mit Eltern zu tun haben könnte, die von draußen ständig Reaktionen des hochbegabten Kindes stimulieren wollen.

Luca Yupanqui: „Sounds of the Unborn“ (Sacred Bones/ Cargo)