Berlin - Eigentlich passt er gar nicht in die hiesige HipHop-Szene. Seine Kleidung ist viel zu elegant, die Beats viel zu experimentell, der Gesang viel zu flüssig. Und die Themen? Schwer und zugleich leicht, sofern man die poetischen Zeilen, die Markus Winter mit einer gewissen Lässigkeit reimt, richtig deutet. Ja, abgesehen von seinem an einen Burgerladen erinnernden Künstlernamen Maeckes, ist Winter eine Rose im Garten des Rap. Das dachte zumindest die Autorin dieses Textes, als sie ihn vor acht Jahren zu einem Interview in einem Schloss in Stuttgart traf. Winter war damals 30, kam gerade von einer Auslandsreise mit der Non-Profit-Organisation Viva Con Agua in seine Heimatstadt zurück, ehe er nach Berlin-Schöneberg zog. 

Parallel arbeitete er an seinem Album „Zwei“. Inspiriert von seinen vorherigen Mixtapes und Alben, war es melancholischer und stellenweise tiefsinniger als etwa die Tracks mit Rapper Plan B, die Platten mit seiner Gruppe Die Orsons oder die Single mit dem Musiker Marteria. Doch der große Erfolg wollte erst später kommen – als Die Orsons, wie Label-Kollege Cro, überhaupt nicht mehr aus den Charts wegzudenken waren und Winter 2016 mit der LP „Tilt“ folgte, mit einer deutlichen Mischung aus Pop und Rap, mit Beats zum Feiern.

Passend zu seinem neuen Album „Pool“

„‚Tilt‘ war für mich inhaltlich ein schweres, dunkles Album, das wir musikalisch aber sehr locker gelöst haben“, erklärt Winter, als wir uns bei Universal Music in Friedrichshain wiedersehen. „Und vielleicht trifft am besten diese Metapher zu: Ich besuche eine Beerdigung, aber trage einen gelben Anzug.“

Winter trägt heute keinen Anzug. Im weißen Hemd und blauer Stoffhose ist der schlaksige Musiker erschienen; sommerlich und passend zu seinem nun erscheinenden Album „Pool“. Eine Platte, die wieder stark an sein früheres Schaffen erinnert. „Ich glaube, ich bin diesmal näher an mir dran“, gesteht Winter. „‚Pool‘ ist für mich selbst wärmer und hat einen ganz anderen Vibe, der es auch authentischer macht.“

Besonders gut zeigt sich das in dem mit Streichern und Gitarre verzierten Stück „Swimmingpoolaugen“, in dem Winter eine Frau mit wenig Selbstbewusstsein beobachtet. „Man nannte sie von Anfang an ein bisschen naiv / Dabei hat sie nur wenig Angst / Vor der Welt, die sie umgibt / Oder dass man sie schnell für naiv hält / Doch steht sie selbst grad vorm Spiegel / Und wie hältst du dich nicht für attraktiv?“, heißt es an einer Stelle und im mehrstimmigen Refrain: „Und dein Spiegel findet dich manchmal nicht schön / Ich wünschte, du könntest dich mal durch meine Augen sehen.“ 

Maeckes: „Als die Platte entstanden ist, war ich in love“

Im dazugehörigen Musikvideo ist Winter in einem Bungalow des renommierten Designers Wolfang Feierbach zu sehen. Entworfen 1968 gibt es weltweit nur sechs Stück davon. Die schwäbische Designerin und Künstlerin Monica Menez hatte ihn bei einem Privatmann in Bad Walsee entdeckt und die Film-Crew dorthin gelotst. Sie ist letztlich verantwortlich für Winters schicken Look und selbst ein Fan. In einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung sagte sie, dass Winter für sie einer der kreativsten Menschen sei und alles könne. Im Video wird deutlich, dass er zumindest einen mitfühlenden Beobachter spielen kann. Die großen blauen Augen, die zu Winters Markenzeichen gehören, wirken besorgt, sie spiegeln sich im Fenster, in einem Puzzle und im Essen wieder.

Benjamin Pritzkuleit
Markus Winter beim Fotoshooting.

In Berlin erzählt er weiter, dass Liebe ein Hauptmotiv des Albums gewesen sei. „Als die Platte entstanden ist – 2016 bis eigentlich 2020 – war ich in love“, er stockt kurz, lächelt und ergänzt: „Ich bin in love!“ Nach „Tilt“ hat Winter zuerst „den Stift fallen gelassen“, wollte nicht mehr schreiben, nicht immer sich selbst reflektieren und mal wieder anderen zuhören. Nach einem Jahr Pause war er dann aber wieder inspiriert, setzte sich ins Studio, lud Freunde wie Rapper und Produzent Tua von Die Orsons dazu ein, entstehende Songs gemeinsam zu hören. Winter zählt noch einige andere auf und spricht von einem „Song-Pool“, von gemeinsamer Arbeit, die wie von selbst zusammenfloss. Er ist ziemlich gut darin, Komplimente an die Mitschaffenden zu verteilen. In einem Zeitungsbericht stand einmal, Winter würde sich selbst oft kleiner darstellen, als er ist. Das scheint zu stimmen. Selbst bei seiner äußerst eingängigen Single „Stoik & Grandezza“ macht er deutlicher auf Verweise aufmerksam als auf seine kecke Idee.

Rolle in ZDFneo-Serie „Deadlines“

In dem Song imitieren er und die Berliner Sängerin Wanja Janeva eine beginnende Liebesbeziehung. Winter nennt es das Gegenstück zu Trios „Da Da Da“. „Ich hatte erst den Song und habe dann Trio eingebaut: Ich liebe dich nicht, du liebst mich nicht, Schrägstrich, du kannst mich mal – als ich darauf kam, war mir klar, dass ich das gerne drin haben will“, erzählt er. Bei ihm klingt das mit Klavier und Bass dann so: „Liebe kann uns kreuzweise / Rufen wir laut / Doch flüstern ‚Ich dich auch‘ leise / Du mich auch / Ich dich auch.“

Winter hat für „Pool“ einige alte Lieder verwoben, Hits aus der Zeit der Neuen Deutschen Welle, Grunge, französische Chansons und Austro-Pop. Stücke, die er als Kind zu Hause hörte – oder die aus Österreich stammenden Eltern. Winter selbst lebte übrigens einige Zeit in Wien. Letztlich zog es ihn aber zu seinen Freunden nach Berlin.

Bei Universal Music muss sich der Rapper noch Fotografieren lassen. Er blinzelt gekonnt in die Kamera. Übung hat er. Vor kurzem stand er für die Dreharbeiten zu der ZDFneo-Serie „Deadlines“ vor der Linse. Monica Menez würde sagen, dass er nun mal alles könne. Winter verweist hingegen auf geplante Auftritte. Sobald es wieder möglich ist, geht es in den Tourbus. Im Hintergrund läuft dann vermutlich „Pool“, das Fenster ist offen, eine frische Brise weht herein. Ein Soundtrack nicht nur für Liebe, sondern für den Sommer. Denkt man erneut an den Garten, blühte diese Rose vermutlich noch nie so schön.

Maeckes: „Pool“ (Vertigo Berlin/Universal Music & Chimperator Productions) ist seit dem 11. Juni erhältlich. Tour-Termine sind unter www.chimperator-live.de zu finden. Ab dem 9. Juli  ist zudem die Serie „Deadlines“ in der ZDF-Mediathek zu sehen und ab 13. Juli auf ZDFneo.