Berlin - Schon das Intro verführt:„Step into a world / Where there's no one left“, tritt ein in eine Welt, wo niemand mehr ist – singt mit glasklarer Stimme Emma Czerny. Nicht so drängend, wie Blondie es in den Achtzigern im Stück „Rapture“ tat, sondern tiefer und eleganter, wie es in dem KRS-One-Cover schon 1997 zu hören ist. 

Das „Intro“ ist auf dem neuen Album „So Wrong“ erschienen, das Czerny unter dem Pseudonym Magic Island bei der Berliner Plattenfirma Mansions and Millions veröffentlicht hat. Und es zeigt sich schnell, wohin es die in Berlin lebende Kanadierin auf ihrem zweiten Album zieht: zurück in eine vergangene Zeit, in die Neunziger des HipHop, auf die Straßen einer Großstadt.

Unterstützung hat sie dabei von dem Produzenten Phong Ho bekommen, der Czerny deutlich in Richtung R&B bugsiert hat und dabei eine Vorliebe für wuchtigen Trap und schlierende Synthies beweist. In der Fachpresse fallen Vergleiche mit der britischen Musikerin FKA Twigs, zudem erinnert sie an Kelly Rowland von Destiny's-Child. Fest steht: Da passiert etwas Großes – und das nicht in den USA oder sonst wo, sondern in Neukölln, wo sich Czerny auch von einer Kneipe für ihren Künstlernamen inspirieren ließ.

Lea Porcelain im Funkhaus und Haerts in New York

Tatsächlich ist die junge Wahlberlinerin aber nicht die einzige, die derzeit mit ihrem attraktiven Sound auf einen internationalen Status klettert. Die gebürtigen Frankfurter Julien Bracht und Markus Nikolaus haben im Berliner Funkhaus, wo auch Nils Frahm arbeitet, gerade ihre zweite Platte „Choirs To Heaven“ aufgenommen. Unter ihrem Alias Lea Porcelain waren sie bereits beim US-Sender KEXP zu entdecken – mit energischen Keyboardklängen und verhallenden Gitarren, die sich durch einen dicken Post-Punk-Nebel drücken. Eine Version von Joy Division? Sie haust zumindest jetzt in Berlin. 

Kane Holz
Markus Nikolaus und Julien Bracht leben in Berlin.

Dort würde eigentlich nur noch das Musikduo Haerts fehlen. Die beiden Münchner Nini Fabi und Ben Gebert sind zuletzt durch Netflix-Produktionen aufgefallen. Für „Tote Mädchen lügen nicht“ wurde etwa ihr Pop-Track „Your Love“ verwendet – das nicht nur Selena Gomez gefiel, die den Soundtrack zur Serie kuratierte, sondern Millionen von Spotify-Nutzern. 

Die ersten Alben von Haerts klangen stark nach einer Mischung aus HAIM und der Münchner Freiheit – bisschen Pop und Rock zum Kuscheln, jedoch hip genug, dass sie der Indie-Szene gefallen. Das dritte Werk „Dream Nation“ wagt nun den Sprung in die elektronische Musik.

Neubaumusic
Nini Fabi und Ben Gebert nennen sich Haerts.

„Shivering“ etwa ist ein Stück, bei dem der Bass tanzt, die Synthesizer-Töne flirren und der Gesang Fabis träge über Gitarrengeräusche hinwegzieht. Ein Lied, das man demnächst wohl wieder nach einem langen Barabend in Neukölln hören kann, während die ersten Sonnenstrahlen das Gesicht kitzeln. 

Entstanden ist „Dream Nation“ in New York, wo das Musikduo seit geraumer Zeit lebt. Das Großstadtmärchen lässt sich in den neuen Songs herauslesen – Trubel, Sehnsucht, Liebe spielen eine Rolle, elektrisiert vom Augenblick. So wie bei Emma Czerny und Lea Porcelain.