Berlin - Was war das für ein Wirbelsturm, der das geneigte ESC-Publikum am Wochenende von der heimischen Couch fegte? Zumindest die Stillen und die Braven, welche die Rockband Måneskin denn auch so passend in ihrem Song „Zitti e buoni“ besungen haben, fühlten sich offensichtlich von den Italienern mit dem dänischen Namen so aufgewühlt, dass sie wie wild die Telefonleitungen des sonst so lahmen Sangescontests lahmlegten.

Die Jurys der Länder hatten die Band auf den vierten Platz gewählt, ihnen voran zwei sehr beschauliche französische Songs aus natürlich Frankreich und der Schweiz sowie eine nette Nerd-Band aus Island – doch damit wollte, nein konnte sich der Kontinent nicht zufrieden geben, und wählte sich die Finger wund, um der Begeisterung über die jungen Wilden Ausdruck zu verleihen, die dort wie selbstverständlich die Bühne rockten, als seien sie angetreten, Europa im Sturm aus seiner Corona-Starre zu erlösen.

Platz eins also dank Publikum für eine Rockband beim betulich verkitschten Schlagerfestival Eurovision Song Contest, der zu Recht nun wieder dafür kritisiert wurde, wie furchtbar er eigentlich ist. Auch der deutsche Beitrag ging mal wieder tüchtig daneben; ganz offensichtlich wusste das Publikum es nicht zu goutieren, mit Happy-happy-freu-freu-Botschaften sowie erhobenem Mittelfinger hektisch umworben zu werden. Ein bisschen weltfremd wirkte Musicaldarsteller Jendrik mit seinem politisch völlig korrekten Wunsch nach weniger Hassbotschaften – und, bei aller Anstrengung, dadurch auch langweilig und überholt.  

Ganz anders die Kolleginnen aus Italien, und an dieser Stelle sollte wirklich einmal Platz für die positive Botschaft sein, wozu echte Leidenschaft, Hingabe, Talent, Spaß an der Sache und eine Prise Verrücktheit in der Lage sind: Måneskin wirkten mit ihrer Performance so ansteckend, allen voran Frontmann Damiano David derart magnetisch, dass in den sozialen Netzwerken seither allerorten davon zu lesen ist, wie junge Menschen aus ganz Europa, ob nun vermeintlich mit ihrem Land unterlegen oder nicht, sich diesen ESC-Auftritt wieder und wieder zu Gemüte führen, eine richtige Måneskin-Sucht macht sich dort breit. Ihr Video trendete am langen Pfingstwochenende die ganze Zeit auf Platz eins, Musikfans vor allem außerhalb des üblichen ESC-Fan-Publikums überschlagen sich vor Begeisterung. Zu Recht. 

Damiano David: Authentizität und geradezu brutale Lässigkeit

Schließlich waren sie alle Zeugen, wie in der Nacht zu Pfingstsonntag nicht weniger als ein Star geboren wurde. Die Authentizität und geradezu brutale Lässigkeit, die Damiano David in High Heels und mit viel Kajal leicht androgyn an den Tag legte, gepaart mit einer Stimme zum Niederknien, einem stabilen, selbst geschriebenen Song und einer überzeugenden Bühnenshow, ließen auch Nicht-Rock-Fans sekündlich anerkennen, dass sie es hier mit jemandem zu tun haben, der durch seine pure Performance die Massen nicht nur bei Schlagerfestivals zu begeistern weiß. Hinzu kommt die erstaunliche Tatsache, dass Damiano selbst erst 22 Jahre alt und seine ähnlich begabten Mitstreiter noch jünger sind. What the hell? Woher nehmen diese Kinder so viel Kraft und Können? 

Auf einem römischen Gymnasium haben sich Bassistin Victoria und Sänger und Songwriter Damiano kennengelernt, mit Thomas an der Gitarre stieß ein Freund der Halbdänin (deshalb der dänische Name Måneskin = Mondschein) hinzu, schlussendlich komplettierte Schlagzeuger Ethan die Schülerband, und sie spielten auf der Via del Corso in Rom. 2017, da waren die meisten von ihnen gerade mal 16 Jahre alt, eroberten sie schon das Publikum der italienischen Ausgabe von „X Factor“ im TV – und halb Italien wunderte sich damals, warum sie nur Zweite wurden. Mit ihrem aktuellen Titel gewannen sie zuletzt das Sanremo-Festival und spätestens mit ihrem furiosen Sieg in Rotterdam ist jetzt klar, wohin die Reise geht. 

Drogenvorwürfe: Schöner kann Kunst nicht über Neid triumphieren

Besonders pikant ist nun, dass die spießigen Umstände beim Sangescontest der Band noch einmal mehr Recht und künstlerische Berechtigung geben, als sie eh schon mit ihren vorherigen Songs hatte: In „Zitti e buoni“ besingen sie den Umstand, dass sie aufgrund ihres genderfluiden Auftretens von konservativen Teilen Italiens gerne als Verrückte, als Spinner, als „Schwuchteln“ degradiert wurden, und sie bestärken andere junge Leute, trotzdem ihren Weg mutig zu gehen, denn: „Sie reden, die Leute reden leider/Sie wissen nicht, wovon sie reden“.

Eindrucksvoller hätten ESC und Medien ihnen nicht Recht geben können, indem sofort nach dem Sieg Italiens kolportiert wurde, der Sänger habe noch während der Punktevergabe live im TV gekokst, weshalb der Band der Sieg aberkannt werden müsse. Inzwischen ist klar: Damiano hat einen Test gemacht, attestiert wurde, er hat keine Drogen genommen - er ist wirklich so. Schöner kann Kunst nicht über Neid triumphieren als mit dieser Bestätigung ihres Siegertitels, jetzt sogar wörtlich, und jetzt ist auch die Wut zu verstehen, mit der Damiano gesungen hat: Die Leute reden, aber sie haben verdammt nochmal keine Ahnung, wovon sie reden.

Und überhaupt: In welcher Welt leben wir, in der ausgerechnet Rockstars publikumswirksam vorgeworfen wird, Drogen zu nehmen? Da scheinen die Italiener gerade einigen die coronaverwirrten Köpfe geradezurücken. Wie wohltuend, dass ausgerechnet das Land, das so schwer durch Covid-19 verwundet wurde, durch den Sieg geehrt wurde – und wie billig, diesen sehr jungen Menschen ihren Erfolg zu missgönnen trotz eindeutig der besten, weil überraschendsten Leistung an diesem Abend.