In den letzten Tagen war neue Musik von zwei Komponisten zu hören, die zwar beide in Frankreich geboren wurden, aber deswegen keineswegs „in der Tradition“ französischer Musik stehen, die sich von Couperin und Rameau über Saint-Saëns, Debussy und Ravel bis zu Boulez und Grisey entwickelt hat.

Mark Andre etwa ist Sohn deutsch-französischer Eltern, wandte sich aber enttäuscht vom Kompositionsstudium in Paris nach Deutschland und wurde Schüler von Helmut Lachenmann. 2007 änderte er seinen Namen von Marc André in die heutige deutsche Form mit k und ohne Akzent. Ist „rwh 1-4“, das am Freitag nach seiner Hannoveraner Uraufführung durch fünf semiprofessionelle Chöre und das Ensemble Modern unter Ingo Metzmacher zum zweiten Mal in dieser Besetzung in der Elbphilharmonie aufgeführt wurde, nun deutsche oder französische Musik?

Das 90-minütige Werk für bis zu fünf Chöre und ein Ensemble mit einigen Bläsern und drei Streichquartetten sowie Elektronik ist von einer fast utopischen Differenziertheit im Klang: Zuweilen sieht man eher, wie die Klänge erzeugt werden, als dass man sie hörte.

Die Elektronik basiert auf Echografien, also auf der Vermessung von Nachklängen in Sakralbauten – wenn man das weiß, klingt sie wirklich wie der Abdruck eines Klangs, der längst verklungen ist. Der Titel spielt an auf ein aramäisches Wort, das zugleich Atem und Geist meint. Die Chöre verkünden keinen Text, sondern machen diesen Atem hörbar, zuweilen auch dadurch, dass sie mit den Notenseiten Wind erzeugen. Die Form ist dabei durch die Entwicklung und Weitung des Klangraums bestimmt: Erst im letzten Teil wirken alle Chöre und Instrumente mit – das Material indes, das Wispern, Klopfen, Atmen, Dröhnen hat sich bis dahin weitgehend erschöpft. Der tiefe und zutiefst katholische Ernst der Konzeption ist nicht zu bestreiten, aber die Wirkung des Ganzen ist eher bleiern und spekulativ: Ob sich durch Atmen schon Geist einstellt, hängt sehr von der Bereitschaft des Hörers ab. Klang war immer ein zentrales Moment französischer Musik, ebenso eine gewisse formale Statik – insofern ist Andres „rwh 1-4“ durchaus dieser Tradition zuzuschlagen, bei allem eher deutschen Mangel an Verspieltheit.

Für den erkrankten Daniel Barenboim sprang Andrés Orozco-Estrada ein

Bei Benjamin Attahir, 25 Jahre jünger als Andre und in Toulouse geboren, dringt immer wieder ein orientalischer Ton durch die Musik, so auch am Montag in der Staatsoper bei der Uraufführung seines Violinkonzerts „Layal“ durch Renaud Capuçon und die Staatskapelle Berlin unter Andrés Orozco-Estrada, der für den erkrankten Daniel Barenboim eingesprungen war.

Attahirs Werk beginnt mit Violin-Melodien, deren übermäßige Intervalle sofort an arabische Musik erinnern – weniger originell als handfest. Und handfest ist auch die knapp dreiviertelstündige Ausarbeitung zu nennen: Attahir ist einem Fortschrittsdenken, das für Andre noch verbindlich scheint, entlaufen und erinnert in seinen orchestralen Strukturen eher an Schostakowitsch. Aber das geschieht durchaus virtuos: Sehr flexibel ändern sich Stimmungen, Tempi und Farben, das Tempo der Musik ist oft rasch. „Layal“ – Arabisch für „Nacht“ – ist ein unterhaltsames Stück, auf dem schmalen Grat zwischen Moderne und bester Filmmusik wandelnd und damit zwischen den Stühlen der Moderne und der abscheulichen New Classic angesiedelt – dort, wo es interessant sein könnte. Französisch ist diese Musik überhaupt nicht.