Berlin - In erster Linie geben Dinosaur Jr. hier ein Dreiviertelstündchen Anschauungsunterricht zur Evolution der Hörgewohnheit, etwa zu der Frage, wie sich Lärm und Lautstärke zum Empfinden und Verstehen musikalischer Struktur verhalten. Das neue Album von J Mascis’ Band klingt dabei nach den späten Achtzigern, als sie den Alternative Rock der Jahre Grunge ff. auf den Weg brachte. Ein brausender Schwall of Noise über melodischem Rock, der in Verbindung mit Mascis’ müder Lakonie den Soundtrack für die Generation X und ihre Zeit aus sozialer Perspektivlosigkeit und dem Zerfall der politischen Ost/West-Orientierung abgab. Nicht umsonst sahen Sonic Youth auf ihrem Album „Daydream Nation“ Mascis als kommenden Präsidenten.

Weil Mascis aber ein streitbarer Visionär war, zerfiel das Trio schon nach dem dritten Album 1988. Bassist und Co-Autor Lou Barlow arbeitete mit den postrockigen Sebadoh weiter, Mascis, etwas blasser, unter eigenem Namen, bis die aufkommende Gedenkkultur der Retromanie auch Dinosaur Jr. 2005 anlässlich des 20. Debütgeburtstags reanimierte.

Rückgriff auf die Archive

„Sweep It Into Space“ ist das fünfte Album der Band im wiedervereinten Original-Line-up. Es nähme es durchaus mit ihren besten auf, wenn Pop nicht auch eine Musik zur Zeit sein sollte – und das kann man dieser schamlos unmodischen Musik kaum unterstellen.

Oder etwa doch? Was derzeit jenseits der experimentellen Szenen noch Reize im Overground generiert, greift ja auf Bekanntes aus den unsortierten Archiven zurück; und nicht viele Rockalben der letzten Zeit klingen derart frisch und unbeschwert wie diese Dinosaurier aus Massachusetts.

Dazu kommt, dass wir, wo gewaltiges Feedbackrauschen ein konventionelles Stilmittel geworden ist, die Melodien und Gewerke hinter der Lärmwand stärker bemerken. Vor 30 Jahren hätte man im Düsentrieb-Brausen von „I Ain’t“ vor allem den Noise-Aspekt und die Punkenergie bewundert, heute erkennt man vor allem Mascis’ klassische Rocksongschreiberei, geschult an dem lauteren Countryrock Neil Youngs, einen Weg, den er hier vom hackenden Sabbath-Riff bis ins ausschweifende Heulen in „I Met the Stones“ nachzeichnet. Seine Gitarrensoli dürften, so inspiriert glücklich sie klingen, noch ein Weilchen vom Revival entfernt sein.

„Sweep It Into Space“ ist in diesem Sinne ein post-klassisches Classic-Rock-Album, das jedoch durch die sehr eigene Mischung aus Schlaffheit und Hochdruck seltsam anschlussfähig wirkt. Zumal inmitten der sozialen Depravation dieser Tage die Idee, gemeinsam und analog in der Garage süß herumzulärmen, einen beinah utopischen Zauber entfaltet.

Dinosaur Jr. – Sweep It Into Space (Jagjaguwar/ Cargo)