Berlin - „Die Deutsch-Rap Szene fordert eine #MeToo-Debatte, dabei muss Gangster-Rap gar nicht sexistisch sein!“, postete die deutsche Komikerin Carolin Kebekus am 15. Mai 2019 auf Facebook. Damals waren Vorwürfe gegen deutsche Rapper laut geworden, die Frauen körperlich missbraucht haben sollen und sich in ihren Texten damit brüsteten. Der Musikjournalist Oliver Marquart schrieb kurz darauf auf dem Musikportal rap.de, dass es endlich eine offene Debatte über Sexismus und sexuelle Übergriffe in der Szene geben müsse, das Problem sei „strukturell“. 

Bereits 2017 hatte die Süddeutsche Zeitung über Rapper berichtet, die wegen sexualisierter Gewalt vor Gericht standen. Die Musik der Genannten handelte oft von genau jener Gewalt. „Meistens wird argumentiert, dass das von der Kunstfreiheit gedeckt sei“, schilderte  Marquart. „Juristisch stimmt das vermutlich auch. Und auch ich war lange jemand, der sich diese Haltung zu eigen machte. Sozialisiert mit sexistischen, misogynen Rapsongs von N.W.A bis Westberlin Maskulin habe ich mir bis ins fortgeschrittene Erwachsenenalter eine spätpubertäre Einstellung bewahrt, die mir heute peinlich ist.“ Er verwies auf eine Studie von 2009, in der Forscher an der Universität Granada festgestellt haben, dass Männer bereits durch sexistische Witze eher bereit sind, Gewalt gegen Frauen zu tolerieren oder gutzuheißen. 

Initative #deutschrapmetoo

Die MeToo-Debatte gab es schon vor Kebekus und Marquart. Nun wird sie immer lauter. In der vergangenen Woche äußerte sich eine Influencerin auf Instagram, die einem bekannten Deutschrapper Vergewaltigung vorwarf. Mehrere Nutzer, darunter auch Prominente, unterstützen sie. Die Gegenseite wehrt sich, spricht von  falschen Behauptungen. Nun soll es offenbar vor Gericht gehen, während sich weiterer Protest formiert. 

Entstanden ist unter anderem die Initiative „deutschrapmetoo.“ Das Musikportal hiphop.de berichtet, dass diese vom „Rantallmoos“-Kollektiv gegründet worden sei, das schon länger auf Twitter aktiv sei. Im Deutschlandfunk sagte ein Mitglied, das anonym bleiben möchte: „Wir haben unfassbar viele Mails von Betroffenen bekommen mit sehr vielen Namen. Und wir sind jetzt gerade dabei, das zu sortieren. Wir connecten uns mit Psychologinnen und mit Juristinnen, um zu sehen, wie wir jetzt mit diesem riesen Pool an Informationen umgehen.“

Im besten Fall solle die Initiative dafür sorgen, dass diese Debatte „endlich konsequent geführt“ werde und „zu Konsequenzen führe“. Innerhalb von wenigen Tagen hat der Instagram-Kanal fast 20.000 Follower generiert.

Probleme in der Clubkultur

Die Rapszene ist jedoch nicht die einzige Musikszene, die #MeToo beschäftigt. Auch in der Clubkultur möchte etwa die britische Musikerin Rebekah mit der Kampagne #ForTheMusic den Opfern von Sexismus sowie den  von sexualisierter Gewalt Betroffenen eine Stimme geben. Auf Plattformen wie „I am a DJ“ und „metoo-music.com“ gibt es etliche Frauen, die sich bereits äußern. Neben dem Missbrauch und der Darstellung der Frau in der Musik geht es wie im Rap auch um Strukturen, die diese Gewalt ermöglichen oder sogar evozieren. Männer würden überwiegend Clubs betreiben, seien Booker und Künstler. Flinta (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche Menschen, Nicht-Binäre, Transpersonen und Menschen, die das Konzept von Geschlecht ablehnen) seien in der Unterzahl. Sie haben es somit ohnehin schwerer, in der Branche voranzukommen. Die Angst ist groß, mit einer einzigen Äußerung alles zu verlieren. 

„Ich verstehe, dass viele meiner Kolleginnen den Mund nicht aufmachen, denn meist hat es nur negative Konsequenzen für uns“, sagte eine Macherin der deutschen Seite „I am a DJ“ dem Deutschlandfunk und ergänzt: „Mit dieser Seite wollte ich allen die Chance geben, ihre Erfahrungen zu teilen und sich zu vernetzen, ohne dass sie sofort von den Männern unserer Szene gecancelt werden und befürchten müssen, nicht mehr auflegen zu können.“

Missbrauch-Rock’n’Roll

Im Falle vom britischen Rock-Label Burger Records hat eine Vernetzung sogar zur Schließung geführt. Im Juli 2020 schlossen sich auf dem Instagram-Kanal „lured_by_burger_records“ mehrere Frauen zusammen, die der Plattenfirma vorwarfen, eine Kultur, „die auf pädophilen Tendenzen und der Fetischisierung von Teenagern aufbaut“, kuratiert zu haben. Minderjährige seien von älteren Männern in Hinterzimmer oder in Tour-Vans gelockt worden, um sie unter Alkohol und Drogen gefügig zu machen. „Dass der Rock’n’Roll-Mythos nicht zuletzt auf der Vorstellung ‚Junger Mann spielt Gitarre, minderjähriges Mädchen himmelt ihn dafür an und signalisiert damit sexuelle Hörigkeit‘ basiert, schien bis heute unauslöschlich manifestiert“, schrieb damals Johannes von Weizsäcker in dieser Zeitung. Er ist selbst auch als Musiker in einer Band aktiv. 

Nun kann man sich fragen, was die Vorfälle für eine Musikszene bedeuten, die jahrelang genauso funktioniert hat. Müssen alle betroffenen Einrichtungen schließen? Der Rap sich von Sexismus verabschieden? Die Männer rausgeworfen werden? 

Vor etwa einem Jahr gründete sich mit Music Women Germany der erste deutschlandweite Verband für Frauen im Musikbusiness, der demonstriert, wo man anfangen muss: Zum Beispiel damit, dass Frauen von vorneherein in wichtigen Positionen tätig sind und maßgeblich in Debatten eingebunden werden. Nur so kann sich langfristig etwas ändern. Der Zusammenschluss von Frauen ist ein wichtiges Signal.