Berlin - Modeselektor, das ist wie ein Synonym für ein technoides Ost-Märchen. Intensiv, reibungslos, unfassbar erfolgreich – die Geschichte zweier Nerds, die erst zueinander und dann auf die großen Bühnen fanden. Zwei Brandenburger, deren Fans sich Tattoos von ihrem Label-Icon stechen lassen, die in Interviews so konzentriert wie albern sind, man könnte sagen: zwei, denen nicht einmal der Erfolg zum Problem werden konnte. Aber zur Sucht?

Im Facebook-Kalender kann man diese Veranstaltungseinladung noch lesen: „Monkeytown“, im kleinen Technoschuppen Ohm, angekündigt für Donnerstag, den 12. März 2020, 21 Uhr. Eine „intimate session“ mit „very special surprise B2B“ (Back-to-Back). Eintritt: sechs Euro. 740 Zusagen. Mehr als ein Jahr später wundert die entscheidende Ergänzung niemanden mehr: Cancelled (Abgesagt).

An diesem Donnerstag vor über einem Jahr war das noch anders, als die Betreiber, wie so viele Clubs in jenen Tagen, auf ihrer Website eine „präventive Schließung aller Veranstaltungsorte mit sofortiger Wirkung“ erklärten. Das Coronavirus hatte Berlin erreicht. Ein Schock, nicht nur für die 740 Gäste, ein Schock auch für den mysteriös angekündigten Auftritt, der von Modeselektor hätte kommen sollen. Sebastian Szary erinnert sich noch genau.

„Extended“ ist 66 Minuten lang

Szary ist per Video-Anruf in die Redaktion geschaltet, von seiner Terrasse in einem nördlichen Bezirk Berlins. Er gilt als die besonnene Hälfte des Doppelpacks, das er mit seinem stets Begeisterung versprühenden Partner Gernot Bronsert bildet. Bronsert ist vor unserem Gespräch kurzfristig verhindert, doch Szary spricht ohnehin fast nur in Wir-Form. Ein paar Stadtvögel bemühen sich um die Klangkulisse. Wir wollen über das neue Album „Extended“ sprechen. 

„Es ist übrigens kein Pandemie-Album“, betont Szary, die Idee sei viel älter als der Lockdown. Nach ihrem letzten Album „Who Else“, das mit 35 Minuten Laufzeit vergleichsweise kurz war, seien die beiden unzufrieden gewesen. „Die Geschichte war noch nicht zu Ende erzählt“, sagt Szary. Nun ist „Extended“ mit 66 Minuten fast doppelt so lang.

Zuerst muss Szary aber doch von diesem Moment erzählen, der für die Kreativbranche so einschneidend war, ab dem jeder Gig, jede Show zuerst um Wochen, dann immer weiter weg geschoben wurde, „ins Unendliche, bis hintern Pluto“; und von der Unsicherheit, wie es weitergehen würde, von der Ungläubigkeit – „Wie jetzt, abgesagt?“ –, die sich dann in ein Gefühl der Ohnmacht verwandelte. „Da werde ich emotional“, sagt Szary und steckt sich eine Zigarette an.

Unsicherheit gehört üblicherweise nicht zu den Dingen, die man mit Modeselektor verbindet. Lampenfieber, maximal. Sonst assoziiert man sie eher als den berlinischen Techno-Exportschlager, Headliner auf internationalen Musikfestivals, die stolzen Eltern dreier Labels, zwei Produzenten Anfang 40, die so überschwänglich wirken wie die unzähligen Newcomer, die sie unter ihre Fittiche nehmen.

Sie kennen sich noch aus ihrer Jugend im brandenburgischen Rüdersdorf, wen überrascht es, vom gemeinsamen Plattenhören und Auflegen. Bald verlegten sie ihre musikalischen Experimente vom elterlichen Dachboden auf untergründige Dorf-Partys. Mit dem Schritt nach Berlin ergab sich der Rest, sie saugten den Rhythmus der Wende-Zeit auf und ergossen ihn in Form frischer, klarer, mal melodischer, meist scheppriger Sounds über den Häuptern der Tanzwütigen. Ihre ersten beiden Alben veröffentlichte Ellen Alien über ihre Plattenfirma BPitch, seit dem Projekt Moderat mit Sascha Ring wurden Szary und Bronsert auch vom Mainstream nicht mehr überhört.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Modeselektor produzieren auch in der Pandemie fleißig weiter.

Verformt hat der sie aber nicht. Das hat Modeselektor stets selbst übernommen, bewegte sich nur entlang der eigenen Definition einer elektronischen Gegenwart, in der der Bass die Konstante war, deren Grenzen sie stets mit eigenen, dicht gemischten Rhythmen und den Stimmen von Talenten aller Genres überschritten: Thom Yorke, Miss Platnum, Paul St. Hilaire, Bonaparte, Flohio.

Seit 2011 veröffentlichen sie über ihr eigenes Label Monkeytown. Wie die Veranstaltung im März 2020: Label-Nacht. Wohlfühlort. Das Ohm? „Unser Lieblingsclub in Berlin“, sagt Szary. „Ein geiler, kleiner Laden, bis dato unser Labor zum Experimentieren.“ Nach der Tour zu „Who Else“ – der große Stil, die weite Welt, 48 Konzerte allein 2019 – hätten Szary und Bronsert endlich wieder in Berlin aufgelegt, zu Hause.

Kalter Entzug vom Tourleben

Das ist etwas anderes als in den großen Hallen. „Ein Club ist ein Club“, sagt Szary – und will sagen: Dort ist die Augenhöhe zum Publikum. Dort gibt es den Zufall, dort passiert es, dass ihm in der Menge jemand einen USB-Stick mit Samples zusteckt. Das Wichtigste sei immer gewesen, wenn der Abstand zwischen Sendern und Empfängern schrumpft, wenn die Empfänger zu Sendern werden.

Jedenfalls, dieser Abend. Vorbei war das Jetset-Leben. Zwangspause, kalter Entzug. Seitdem spielten die beiden nur zweimal live, denn online, das ist nicht dasselbe, da fehlt alles: Schweiß, Strobo, Nebel. Das Publikum, die Inspiration. „Krasse Zeit“, sagt Szary. „Wir dachten, wir hätten den sichersten Job der Welt!“, und plötzlich war da eine Angst, an den neuen Bedingungen zu scheitern.

Zum Glück gab es diese Idee, im eigenen Archiv zu stöbern. In der Isolation pusteten sie den Staub von Festplattenbergen, stolperten über Stücke, deren Titel allein wie Zeitkapseln wirkten. So, wie es bei Gerüchen manchmal passiert. Diese Erinnerungen in Form von Skizzen verbauten sie dann in ihrem Studio in Kreuzberg: überschrieben, dehnten, verdrehten und zerlegten.

Das Ergebnis ist beeindruckend stimmig. Die 27 Lieder fließen ineinander, der Sound ist gewohnt umtriebig, die Effekte sparsam, wohlplatziert. Der Einstieg wirkt ein wenig unschlüssig, doch das passt zu diesen Zeiten, in denen Risikoabwägung jedes Bauchgefühl zum Wanken bringt, und spätestens ab Track vier, „Tacken“, ist klar: Es geht unbeirrt nach vorne.

Eine Liebeserklärung an die U8

Vor allem der Mittelteil von „Hood“ bis „Puls“ stachelt auf, wirkt wie die Vorbereitung auf eine post-pandemische Ekstase. In enge Tempowechsel sind subtile Dub- und Dancehall- Spielereien gewebt und breiten dichte, metallische Folien aus, die nach den nächsten Features zu rufen scheinen. Man kann „Extended“ hören wie eine Clubnacht auf 66 Minuten.

Sogar eine Liebeserklärung an den Nachhauseweg ist drin. An die „Aorta von Berlin“. „U8“ hallt und schallt wie eine nächtliche Bahnfahrt. Hemmungslos experimentell ist „Lockdown“, dem ein Tristan-Akkord unterliegt, bloß rückwärts und sehr, sehr langsam. Was war auch zu erwarten? „Extended“ ist (k)ein Pandemie-Album, es lebt vom Experiment, von der eigenen Geschichte – es ist Kunst, die sich selbst zu inspirieren versteht.

Bis Ende des Jahres sind weitere EPs geplant, der Tänzer Corey Scott-Gilbert übersetzte das Album in eine einstündige Performance. Es mag woanders wurzeln, gelöst von Corona lässt sich „Extended“ aber nicht hören. Allein, weil es so deutlich macht, was fehlt.

Modeselektor: „Extended“ (Monkeytown)