Experiment gelungen: Das Musical „Hamilton“ wird in Hamburg Geschichte schreiben

Ein Rap-Musical über den unbekannten Gründervater der USA, Alexander Hamilton, wurde in New York zum Hit und läuft jetzt in Hamburg. Funktioniert es auf Deutsch? Oh ja, ja, ja!

Ivy Quainoo (Eliza), Chasity Crisp (Angelica) und Mae Ann Jorolan (Peggy) in „Hamilton“
Ivy Quainoo (Eliza), Chasity Crisp (Angelica) und Mae Ann Jorolan (Peggy) in „Hamilton“Ulrich Perrey/dpa

Kurz vor der Pause im Musical „Hamilton“ gibt es einen Moment, auf den alle, die das Stück gut kennen, warten. Die Titelfigur, Alexander Hamilton, hat zu dem Zeitpunkt schon geheiratet und steht kurz davor, zusammen mit George Washington die Britische Kolonialherrschaft zu beenden. Die finale Schlacht ist in Yorktown, und kurz vorher trifft Hamilton noch einmal auf seine Freunde. Sie sind siegessicher und heben die Hände, um sich abzuklatschen. Dabei rufen sie: „Immigrants – we get the job done“ (Immigranten – wir erledigen das).

In den USA ist diese Zeile so wichtig, und sie führt immer zu einem Szenenapplaus. Weil die Menschen, die dort auf der Bühne gespielt werden, zum großen Teil Sklavenhalter waren. Weil die, die dort jetzt auf der Bühne stehen, fast alle nicht-weiß sind und eben die Sklavenhändler verkörpern. Und drittens: Weil es im Musical jahrelang unmöglich war, als nicht-weiße Person irgend eine große Rolle zu spielen außer die Asiatin in Madame Butterfly und Jazz-Musiker in „Porgy & Bess“. Es ist eine Zeile so voller Stolz, dass sie sich auch nicht übersetzen lässt.

Für das deutsche Musical „Hamilton“, das an diesem Donnerstag Premiere hat, wurde sie nicht übersetzt. Das bedeutet aber auch, dass nicht alle sofort verstehen, was da gesagt wird. Und so klatschen nur zwei oder drei Super-Fans. Und schon sind die Schauspieler wieder dabei, schnelle Sätze auf Deutsch zu rufen, und bevor man überhaupt darüber nachdenken kann, gibt es wieder einen Szenenwechsel, und Hamilton singt ein Lied für seinen Sohn, für den er alles tun würde, dann ein Streit vor Gericht – und Pause.

„Hamilton“ anzuschauen ist nicht nur ein echtes Erlebnis, es ist auch irgendwie: Konzentrationsarbeit. Das Stück besteht aus 47 Liedern; die meisten davon mit schnell gerappten Passagen, bei denen die Schauspieler kaum Zeit zum Atmen bekommen. Immer ist irgendetwas los auf der Bühne: Tänzer, Krieg, Hochzeit, Duell, Ehebruch, Tod, Parlamentsdebatte, Trauer, Hass, Versöhnung, und am Ende fliegt eine Kugel in Zeitlupe über die Bühne und das komplette Ensemble steht noch einmal nebeneinander und singt zusammen, wie beim ersten Lied, nur, dass die Hälfte von ihnen inzwischen gestorben ist.

Wahlkampf reimt sich auf Darmkrampf

Es ist, so muss das im Musical sein, die ganz große Geste. Und wer in diesem Text nur wissen möchte, ob es funktioniert, der sei hiermit erlöst: Ja, auch in Hamburg, auch auf Deutsch, ist „Hamilton“ ein großartiges Kunstwerk, das wie ein Hurrikan über das Publikum hinwegfegt, es ist komisch, es ist todtraurig, es ist mal leise und sehr oft sehr laut auf der Bühne. Und die Übersetzung, über die schon so viel spekuliert wurde, sie ist so vorsichtig und mutig gleichzeitig, dass man ihr anmerkt, dass die Verantwortlichen Spaß bei ihrer Arbeit hatten und ganz eigene Referenzen aufbauen durften.

An einer Stelle zitieren sie den Song „Ja, klar“ der 90er-Jahre-Rapperin Sabrina Setlour: „Du bist’n Babe, ich will dein Badewasser saufen“. An einer anderen Stelle nennen sich die vier Gründerväter „die Fantastischen Vier“, eine Referenz, die eben nur Deutsche verstehen. Da verzeiht man, dass sich einmal „Wahlkampf“ auf „Darmkrampf“ reimen und „Lanzen“ mit „Finanzen“. Die meiste Zeit zeigen der Übersetzer Kevin Schroeder und der Berliner Rapper Sera Finale, die an der Übersetzung arbeiteten, wie gut ihr Gespür für die deutsche Sprache und den Ton dieses Musicals ist.

Eigentlich zu komplex fürs seichte Genre

Und dieser Ton ist eben komplett anders als „Cats“, „Frozen“ oder „König der Löwen“. Und das liegt schon am Stoff: Alexander Hamilton ist der Begründer des Finanzsystems der USA und der unbekannteste unter den Founding Fathers, den Gründervätern der Vereinigten Staaten. Washington, Adams, Madison, Jefferson – sie alle tauchen zwar auf, aber sind nur Nebenrollen in diesem Stoff, der eigentlich doch viel zu komplex ist für dieses so seichte Genre.

Lin-Manuel Miranda ist inzwischen längst ein Star, hat gerade die Musik für den Disney-Film „Encanto“ geschrieben – und „Hamilton“ bisher in vier verschiedenen Ländern auf die Bühne gebracht: Es begann im Januar 2015 in New York, zunächst auf einer kleinen Bühne, von dort auf den Broadway und auf Jahre ausverkauft. Noch im gleichen Jahr gewann „Hamilton“ einen Grammy, einen Pulitzer und elf Tony Awards. Als im Jahr 2018 die erste Produktion in London startete, war es beinahe unmöglich, im ersten Jahr an Karten zu kommen. Inzwischen gibt es Vorstellungen in Kanada und Australien, und auf Disney+ läuft seit dem Corona-Jahr 2020 die New-York-Fassung mit Miranda in der Hauptrolle.

Trotzdem muss die deutsche Version dieses Riesenerfolgs kein Selbstläufer sein. Und das hat viele Gründe: Zum einen hat es der Hype noch lange nicht nach Deutschland geschafft, viele haben noch nie von „Hamilton“ gehört, weder vom Finanzsekretär noch vom Musical. Zum zweiten ist es ein sehr amerikanischer Stoff. Die Unterzeile in den USA lautet: „An American Musical“. In Hamburg steht unter dem Logo: „Ein Stück Revolution“. Zum dritten ist es vor allem lang: Fast dreieinhalb Stunden dauert der Abend mit Pause. Der letzte Zug nach Berlin ist beim Fallen des Vorhang längst abgefahren.

Doch als ob Lin-Manuel Miranda den internationalen Markt gleich mitgedacht hätte, der sich eben nicht in US-Geschichte auskennt, hat er dem Stoff noch eine zweite Ebene geschenkt, einen doppelten Boden. Immer wieder verweist die Hauptfigur darauf, was an seiner Geschichte so besonders ist: Ein Immigrant aus der Karibik, der mit 14 nach New York kommt und es bis in die Geschichtsbücher schafft. Im Original steht eine Liedzeile für diese zweite Ebene: „Who lives, who dies, who tells your story“.

Welcher Schuss ist wohl gemeint?

In der deutschen Version passt es ebenfalls in die Melodie: „Wer lebt, wer stirbt, wer schreibt Geschichte“. Immer wieder wird diese zweite Ebene den Weg des Mannes begleiten. Wenn er gleich am Anfang davon singt, dass er nur „diesen einen Schuss“ habe, dann funktioniert das schon da mehrfach: Er wird einen „Schuss“ Alkohol trinken mit Freunden, er wird im Krieg mehrere „Schüsse“ abfeuern – und ist nicht das ganze Leben wie ein Schuss, den man nutzen muss und deswegen ganz genau zielen sollte?

Das Besondere ist, dass diese Lieder auf Deutsch eigentlich nie „cringe“ klingen, es stellt sich kein Fremdschämen ein, wenn auf Deutsch gerappt oder gesunden wird. Klar, geht ein bisschen Gefühl verloren, wenn eben nicht mehr „die Geschichte ihre Augen auf dich geworfen hat“ wie im englischen Original. Auf Deutsch heißt es jetzt: „Geschichte wird dabei Zeuge sein.“ Auch das klingt: irgendwie nach großer Geste.

Revolutionär und kontrovers

„Hamilton“ ist auch ein Gruß aus der Obama-Ära. Es war im Weißen Haus, wo Lin-Manuel Miranda im Jahr 2009 das erste Lied bei einem Auftritt vortrug. Damals glaubte noch niemand, dass daraus etwas Großes werden könnte. Die Idee, beinahe ausschließlich Nicht-Weiße zu besetzen, war revolutionär und ist noch heute in der recht konservativen Musical-Welt kontrovers. Es soll in den USA Menschen gegeben haben, die beim Hinausgehen sagten: „Ich wusste gar nicht, dass Washington schwarz war …“

Auch in Hamburg sind die Schauspieler überwiegend Nicht-Weiß. Besonders die Berlinerin Ivy Quainoo, die vor zehn Jahren „The Voice“ gewann, ist schlichtweg der Star des Stücks. Ihre Stimme trifft jeden der 1400 Zuschauer im Saal. Ihr gehört der letzte Atemzug auf der Bühne und es ist der Moment, der bleiben wird. Und selbst bei Auftritten, bei denen Quainoo als Elizabeth nur stumm über die Bühne schreitet, ist ihre faszinierende Präsenz ein Augenmagnet.

Vor dem Englischen kapituliert

Auch Benet Monteiro als Hamilton spielt überzeugend, mal Schelm, mal Mörder, mal Liebhaber. Und sein brasilianisch-portugiesischer Akzent ist kaum mehr hörbar. Gino Emnes ist als Burr fast besser als sein amerikanisches Vorbild, und Chasity Crisp als Angelica braucht offenbar weniger Luft als andere Menschen, anders lässt sich ihr buchstäblich atemberaubende Performance nicht erklären.

Nicht für alle Schauspieler ist Deutsch die Muttersprache, was an manchen Stellen, wenn besonders schnell gerappt wird, eben doch einen Unterschied macht. An manchen Stellen haben die Übersetzer kapituliert vor dem englischen Original. „Talk less, smile more“, rät gleich zu Beginn Hamiltons bester Freund auch in Hamburg auf Englisch, kurz bevor sie „In New York you can be a new man“ anstimmen. Wenn die Briten geschlagen sind, singen auch in Hamburg alle: „The world turned upside down“. Und gegen Ende überzeugt Hamilton seine Frau mit ihm, in die Vororte zu ziehen, in dem er ihr vorschwärmt, wie „ruhig es uptown“ sei, wo er die „Kids in die Kirche bringen“ könne. Wie viele Deutsche kennen das Wort „uptown“? Eher wenige.

Tuntig wie Bully im „Schuh des Manitu“

Ein Moment, in dem es wirklich gar nicht funktioniert, dürfte nur Hamilton-Nerds auffallen: Direkt nachdem die Britische Herrschaft über die USA beendet wurde, tritt King George auf die Bühne, wie immer in rotes Licht getaucht. Doch weil er den Krieg verloren hat, stampft er wütend wie ein kleines Kind auf und sagt: „Alles ist trüb.“ Da wandelt sich das Licht in Blau. Im Englischen Original sagt er: „I’m so Blue.“ Warum im Deutschen das Licht sich auch ändert, wird den meisten ein Rätsel bleiben.

Doch überhaupt, jenseits solcher Kleinigkeiten, wirken manche Dinge inzwischen etwas altmodisch. Kann es wirklich sein, dass im Jahr 2022 ein Musical ein Hit wird, in dem ein König – die einzige weiße Person auf der Bühne – tuntig auftritt wie Bully im „Schuh des Manitu“ und das schon allein lustig sein soll? Und ist es noch wirklich zeitgemäß, ein Stück aufzuführen, in dem drei weibliche Hauptfiguren mit der Hauptfigur schlafen wollen – und sonst kaum eine Funktion oder ein Ziel im Leben haben?

Ungewohnt düster

Doch das Stück ist wie alle Kunstwerke ein Kind seiner Zeit. Das Publikum wird auch in Hamburg einen Stoff feiern, der gegen alle Wetten zu einem Erfolg wurde. Ob es ein Welterfolg wird, werden auch die kommenden Monate auf dem Kiez in Hamburg zeigen. Dort, gleich bei der U-Bahnhaltestelle „St. Pauli“, steht die Bühne für Hamilton.

Und manche Zeilen in diesem Musical klingen auch ungewohnt düster, gerade jetzt, in einer Zeit, in der Russland Angriffskriege führt. Kurz nachdem Hamilton den berühmten Satz mit den „Immigrants“ gesagt hat, verabschiedet er sich von seinem Freund mit der deutschen Wendung: „Auf uns wartet jetzt der Krieg, seht euch vor.“ Das englische Original reimt sich sogar und trifft noch ein kleines Stück mehr ins Herz: „I see you on the other side of the war“.


„Hamilton – das Musical“ wird in Hamburg gezeigt. Tickets unter: https://www.stage-entertainment.de/musicals-shows/hamilton-hamburg