Konzertprogramme mit Musik von Komponisten, die dem Nazi-Regime zum Opfer fielen, kennt man schon sehr lange. Dass sich die Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko am Donnerstag dieser Musik annehmen, wirkt etwas lahm. Alexander Zemlinskys „Lyrische Symphonie“ verrät dabei nichts vom unglücklichen Exil des Komponisten in den USA. Seltsam wirkt der kleine Schlenker nach Italien für zwei kurze Werke Leone Sinigaglias, während sowohl die „Lyrische Symphonie“ als auch die Zweite von Erwin Schulhoff in Prag uraufgeführt wurden.

Es ging in diesem Programm nicht wirklich um Erinnerung. Vielmehr beschreibt es den Verlust stilistischer Verbindlichkeit in der Moderne. Sinigaglia, 1868 geboren, schreibt um 1900 in der „Rapsodia piemontese“ und der „Romanze“ wie ein italienischer Brahms, vergleichbar solide, aber heller, ohne Scheu vor schönem, oberstimmenbetontem Klang. Die Violin-Solo-Partien spielte Noah Bendix-Balgley; die funkelnden Figuren der „Rapsodia“ über Volksmusik des italienischen Nordens vermittelte er überzeugender als die noblen Linien der Romanze, die man sich eine Spur satter denken könnte.

Zemlinskys „Lyrische Symphonie“ von 1922 ist einer der letzten Versuche, die nach Wagner überkomplex gewordene Tonalität zu bewältigen, in Farben umschlagen zu lassen oder in kleinen Motiven zu sammeln – große Melodien gelingen nicht mehr. Und dennoch ist dieses Werk groß durch die Konsequenzen, die es zieht. Der junge Zemlinsky schlug sich noch mit albern-grandiosen Plänen wie einer „Symphonie vom Tode“ herum. Die „Lyrische Symphonie“ des 50-Jährigen für Sopran und Bariton auf Texte von Rabindranath Tagore erzählt bescheidener die Geschichte eines One-Night-Stands, der mit großen Erwartungen begonnen und durchaus genossen wird, dann aber mit beeindruckender Haltung auf beiden Seiten verabschiedet wird.

Petrenkos Lesart klingt eher angespannt

Der Gegensatz von Intimität und Weite, von Pathos und Nüchternheit macht das Werk spannend. Petrenkos Lesart indes klingt eher angespannt. Auch die großartig in zeitloses Klingen aufgelöste Naturmusik des vierten Satzes lässt er nicht los. Seine Solisten sind zudem gegensätzlicher Auffassung darüber, wie die ihnen abwechselnd zugeteilten Gesänge vorzutragen sind. Christian Gerhaher nimmt sie als Lieder, spricht überdeutlich und verfehlt darüber Linie und kontinuierlichen Klang. Lise Davidsen nimmt sie als Opernarien – und kommt mit reich strömenden und geradezu schockierend leisen Farben der Wahrheit wohl näher.

Ist bei Zemlinsky ein Letztes an expressiver und harmonischer Fülle erreicht, so setzt in Schulhoffs Zweiter von 1932 eine klassizistische Wende ein. Nichts ist hier mehr wörtlich zu nehmen, mal klingt es nach dem „Ich fühl es“ aus Mozarts Bildnis-Arie, mal gewittert es beethovenartig – aber immer löst es sich in andere Richtungen auf als erwartet, wird absurd weitergeführt oder verliert sich in hausmusikalischem Gefiedel, bis sich im Scherzo Jazz-Anklänge verdichten. Ein leichtes, dennoch signifikantes Werk, von den Philharmonikern unter Petrenko lustvoll und geistreich gespielt.