Berlin - Während Bachs Amtszeit als Leipziger Thomaskantor – 1723 bis 1750 – schwieg die Musik nach dem Sonntag Estomihi. Mit dem folgenden Sonntag namens Invokavit begann die Passionszeit, die als Fasten- und Bußzeit angelegt ist und die „Musik“ – damit war die sonst jeden Sonntag schmückende Kantate gemeint – aus der Kirche verbannte. Erst am Karfreitag erklang wieder Musik, deren Klagelaute dann mit dem Osterfest von strahlenden, oft Trompeten-beglänzten Stücken abgelöst wurden.

Still war es noch in der Passionszeit 2019 keineswegs. Für viele Sänger und freie Musiker war es wie immer eine der Hauptverdienstzeiten: An jedem der sechs Sonntage der Passionszeit wurden Bachs Passionen aufgeführt.

Was der protestantische Christ im 18. Jahrhundert als Vorbereitungszeit auf das Nacherleben des Sterbens am Karfreitag begriff, bedeutet dem Angehörigen einer bürgerlichen Kultur auch einen Kunstgenuss, den er sich beliebig nahegehen lassen oder fernhalten kann. Verliebt in den Ausdruck des Leidens, zeigte diese bürgerliche Kultur an der künstlerischen Gestaltung der österlichen „Korrektur“ durch die Auferstehung von jeher weniger Interesse.

Feste sind auch Wälle gegen Arbeit, Nützlichkeit und Vernunft

Die Pandemie hat uns nun zum zweiten Mal in Folge eine weitgehend stumme Passionszeit beschert, und abermals folgt der Passionszeit ein ebenso stummes Osterfest, in diesem Jahr immerhin mit Gottesdiensten, denen aber die prachtvoll chorische Ausgestaltung nach wie vor untersagt ist. Das Fest „innerlich“ zu begehen, klingt nicht nur absurd, weil niemand mehr an die Auferstehung glaubt, sondern weil Feste nach außen, in die Gesellschaft, gehören. Weihnachten rhythmisiert das Jahr auch für Agnostiker; an Ostern hängen sich Ferien. Nun flachen Pandemie und Lockdown den rhythmischen Ausschlag des Festes, seine Abweichung vom Alltag, bis zur Unmerklichkeit ab. Feste aber sind Wälle gegen die Überflutung mit Arbeit, Nützlichkeit, Vernunft. Das unheimliche Wuchern von Kapitalismus und Arbeit in die Privatsphäre kann sich ohne Feste nahezu ungebremst fortsetzen: Man muss daheim bleiben, also kann man auch einfach weiterarbeiten, weiterbestellen und sich dem totalen Entertainment zur Bestrahlung überlassen. „Also ihr wollt kein Lied singen, nichts, was den Tag verschönt? Es soll wieder so ein trauriger, gewöhnlicher Drecktag sein wie immer?“ (Brecht, Dreigroschenoper)