Musikfest Berlin 2022: In diesem Jahr fehlt die Balance 

Der zentrale Anteil von Vokalmusik steht quer zum Konzept eines Orchesterfests, das das Musikfest eigentlich sein soll. Empfohlen seien die Konzerte dennoch.

Das Odessa Philharmonic Orchestra gastiert beim Musikfest Berlin: am 6. September, 20 Uhr in der Philharmonie
Das Odessa Philharmonic Orchestra gastiert beim Musikfest Berlin: am 6. September, 20 Uhr in der PhilharmonieOdessa Philharmonic Orchestra

Die Programme des Musikfests Berlin waren in den Augen des künstlerischen Leiters Winrich Hopp stets ein Kompromiss: ein Kompromiss aus seinen konzeptionellen Vorstellungen und den Programmen der anreisenden Orchester. Nach zwei Pandemie-Musikfesten fast ohne reisende Orchester sind nun die Stammgäste wieder da: das Amsterdamer Concertgebouworkest, London Symphony mit Simon Rattle, die Ensembles von John Eliot Gardiner und Philippe Herreweghe, die US-Orchester aus Cleveland und Philadelphia.

Den programmatischen Kompromiss sucht man in diesem Jahr jedoch vergeblich. Es gibt wohl einen Schwerpunkt in geistlicher Musik: Monteverdis „Marienvesper“ und Beethovens „Missa solemnis“ sind deren groß besetzte Höhepunkte, hinzu kommt ein ganzer Tag in der Kirche am Hohenzollernplatz mit Ensembles aus England, Georgien und Berlin und ein Gastspiel mit koreanischer Ritualmusik.

Eine Neigung zu Musik, die den Klang rituell auflädt, hatte das Musikfest oft. Diese dionysische Neigung jedoch, in der immer die Gegenwart eines Gottes behauptet wird, wurde in der Regel durch äußerst luzide musikhistorische Bezüge balanciert. In diesem Jahr fehlt diese Balance: Der zentrale Anteil von Vokalmusik steht quer zum Konzept eines Orchesterfests, das das Musikfest eigentlich sein soll.

Neben der sakralen Musik stehen beziehungslos die gängigen Symphonien von Beethoven bis Mahler, die originellen Funde von Willem Pijper bis Florence Price, die alten Hopp-Lieblinge wie Iannis Xenakis und Wolfgang Rihm. Da wirkt der Auftakt fast wie eine Erinnerung an bessere Zeiten: Morgen erklingt die Wiederholung eines der eindrucksvollsten Musikfest-Konzerte überhaupt, Rihms „Musik für drei Streicher“ mit einem Trio unter Leitung von Ilya Gringolts. Auch wenn man nie versuchen sollte, große Momente zu wiederholen – der Besuch dieses Konzertes ist ebenso zu empfehlen wie der vieler anderer dieses Musikfests.

Musifest Berlin. 27.8. bis 19.9., Karten, Spielorte und Informationen unter Tel.: 25489100 oder www.berlinerfestspiele.de