Berlin - Es wirkte wie Kalkül: John Eliot Gardiner ließ die Nummer VIII aus Georg Friedrich Händels „Dixit Dominus“ als Draufgabe wiederholen. Der Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists sollten bei ihrem Konzert im Rahmen des Musikfests Berlin am Freitagabend in der Philharmonie keinen Orkan der Begeisterung anfachen, was ihnen spielend gelungen wäre. Das Konzert sollte lyrisch enden. Gardiner wollte – intellektuell brillant – die spirituelle Botschaft der Kirchenmusik aus den vorpandemischen Jahrhunderten zum Leben herausarbeiten. Nicht Naturkatastrophen, Seuchen und politische Tyrannei sind das letzte Wort der individuellen Weltgeschichte. Erst das Opium des akustischen Rauschs macht das Elend des irdischen Seins erträglich.

Johann Sebastian Bachs „Grundkurs des Glaubens in 20 Minuten“, die Kantate „Christ lag in Todesbanden“ BWV 4, stand im Zentrum dieser Zeitreise. Das Werk ist vom sehr jungen Bach überragend komponiert – wie gut, dass Bach nicht Stunden bei Netflix und Videospielen verbracht hat. Gardiner und seine großartigen Musiker entschlüsselten Bachs Bewerbungsmusik für den Posten in Mühlhausen eindringlich, trotzig, erhaben, zuversichtlich: „Der Würger kann uns nicht mehr schaden“, den Sieg im Krieg zwischen Leben und Tod trägt das Leben davon, weil die jüdisch-christliche Metaphysik vom Opferlamm „ein Spott aus dem Tod“ gemacht hat, egal, wie die Inzidenzwerte gerade sind.

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