Berlin - Mit Igor Strawinsky verbindet man heute vor allem „Le Sacre du Printemps“; das Stück ist in den letzten zwanzig Jahren bis zum Überdruss gespielt worden, und sein Auftauchen im Programm des Musikfests Berlin, das sich in diesem Jahr dem wenig aufgeführten Spätwerk Strawinskys widmet, scheint überflüssig. Im Konzert des Orchesters „Les Siècles“ am Montag in der Philharmonie, geleitet von dessen Gründer François- Xavier Roth, steht es am Ende eines knappen, vom Alter zur Jugend führenden Abrisses von Strawinskys Oeuvre und wirkt plötzlich als Jugendwerk, dessen rhythmische und orchestrale Erfindungskraft zwar noch immer ungläubiges Staunen hervorrufen, das aber selbst in dieser enorm transparenten und forschen Interpretation auf historischen Instrumenten gegen das zuvor Gehörte geradezu geschwätzig wirkt, und in seiner verfetteten Besetzung Strauss oder Schönberg verwandt.

Strawinskys neoklassizistische Phase, im Konzert repräsentiert durch das vor 90 Jahren in Berlin uraufgeführte Violinkonzert, wurde oft als Verrat am Fortschritt verstanden. In dieser Konzertdramaturgie erkennt man im Gegenteil, dass Strawinksy in dieser Phase zur Klärung seines Komponierens gelangt: Zwar ist der Orchesterapparat mit dreifachen Holzbläsern und schwerem Blech noch immer sehr groß – aber er tritt ohne Massivität in Erscheinung, er realisiert mit seinen neuartigen Bläserkombinationen einen moderneren Klang als der „Sacre“.

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