Neue Platten fürs Wochenende: Haftbefehl, Stormzy, Terence Fixmer

Terence Fixmer feiert eine Alien-Party. Stormzy könnte diesmal fast als Sänger durchgehen. Und Haftbefehl vereint Feuilleton und Shisha-Bar wie kein Zweiter.

Haftbefehl
HaftbefehlTarek Mawad

Terence Fixmer: „Shifting Signals“ (Mute/Pias)

Bock auf eine intergalaktische Apokalypse-Party? Berghain-Resident-DJ Terence Fixmer weiß Abhilfe: „Shifting Signals“ heißt seine achte Studio-Platte; übrigens sein erstes Album auf Mute, dem Label, auf dem einst schon Depeche Mode und New Order releasten. 

Schön deep und dubby gehen die Tracks ab, zu denen der französische Teilzeit-Berliner laut eigenem Bekunden durch Ridley Scotts Sci-Fi-Kultfilm „Alien“ (1979) inspiriert wurde, vor dem er sich als Kind gar schrecklich gruselte. Doch keine Sorge: Fixmer schloss den Film gerade dieses Kicks wegen sehr ins Herz. Und so kickt auch das Album freudig – und für Berliner Techno-Verhältnisse sogar erstaunlich melodisch in den Synthie-Riffs und auch im Phaser-Feuerwerk. Man darf gespannt sein, wie das Ganze live wirkt: Fixmer spielt am 10.12. im Berghain. Und für so manch einen ist ja auch das schon eine fremde Galaxie.


Stormzy: „This Is What I Mean“ (Def Jam/Interscope/Universal)

Die Briten sind immer wieder für Überraschungen gut: Stormzy, Jahrgang 1993, eigentlich (neben Skepa) einer der wesentlichen Protagonisten des Grime, also des besonders temporeichen britischen HipHop, zeigt sich auf seinem dritten, abermals sehr hörenswerten Album geradezu als sentimentaler Sänger. Mit Funken von Gospel und gar Country. In jedem Fall mit sehr viel Emo-Seele.

Somit bewegt sich der inzwischen gar nicht mehr so offensichtlich stürmige Stormzy eher in den R&B-Sound-Gefilden eines Frank Ocean. Nachdem schon US-Rap-King Kendrick Lamar dieses Jahr ein erstaunlich introspektives HipHop-Album vorgelegt hat (und auch Sido von Berlin aus nächste Woche etwas in die Richtung tun wird), lässt sich wohl schon von einem Trend sprechen. Doch was an der jazzy Oberfläche zahm und zart wirkt, das hat freilich seine Untiefen. Der Sturm tobt weiter, bloß am Psycho-Meeresgrund.


Haftbefehl: „Mainpark Baby“ (Urban/Azzlacks/Universal)

„Neukölln ist überall“, hat der ehemalige SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky einst behauptet. Vielleicht näher an der Wahrheit wäre: „Offenbach ist überall.“ Offenbach, die kleine Problembruderstadt der größeren Kapitalismusmetropole Frankfurt am Main. Aber nicht nur hat Offenbach wohl den besten deutschen Techno-Club außerhalb Berlins (das Robert Johnson), sondern auch einen der spannendsten nicht-berlinischen Rapper zu bieten. Haftbefehl heißt er und wird gleichermaßen im Feuilleton und in der Shisha-Bar geschätzt.

Das neue, siebente Album glänzt mit Erdbeben-Bässen und mit taschenmesserscharfer HiHat-Treiberei. Und es beginnt mit der intensiv unschuldigen Gaststimme von Paula Hartmann: „Ich nehme keine Drogen. Ich mag nur den Geruch von Koks.“ Lyrisch indes war Haftbefehl schon mal auf mehr Raffinesse gebürstet. Diesmal packt er seinen „leguangroßen Schwanz“ raus. Und auch antisemitisch missbrauchbare Klischees (wie das von seinem Anwalt, der ihn easy vor dem Knast bewahrt, da er ja Hebräisch spreche) hätte er sich einfach sparen sollen. Trotzdem: Haftbefehl ist das große Sprachrohr eines (post-)migrantischen Ghettos. Er legt den Finger in die Wunden asozialer Ungerechtigkeiten, seine Wut bleibt wichtig.