Neue Platten fürs Wochenende: Lee Fields, Nosaj Thing, Benjamin Clementine

Lee Fields tut der Seele gut. Nosaj Thing ist James Blake in jazziger. Benjamin Clementine erfindet sich neu – ein Stück weit. Das sind die LPs fürs Wochenende.

Eine sichere Bank für die Seele: Lee Fields
Eine sichere Bank für die Seele: Lee FieldsZach Cordner

Lee Fields: „Sentimental Fool“ (Daptone)

Der gute alte Soul hat auch dadurch wieder Fahrtwind gewonnen, dass er begierig gesampelt wird im HipHop. Und natürlich auch durch jüngere Künstler wie Michael Kiwanuka, Aaron Frazer oder Curtis Harding, die ihn weiterspinnen, mit Twist. Dass man aber in Person von Lee Fields eine so altehrwürdige Soul-Legende, die im HipHop rauf- und runtergesampelt wird (bei J. Cole, Travis Scott, Rick Ross und A$AP Rocky etwa), mit neuer Platte bald wieder live erleben darf (im Februar 2023 im Festsaal Kreuzberg) – das ist dann doch eine echte Rarität. 

Und diese neue Platte hat es in sich: Die Schmachtballade „Save Your Tears For Someone New“, garniert mit Xylofon-Tupfern, kann in Sachen Intensität locker mithalten mit The Weeknds ähnlich lautendem Milliarden-Klick-Megahit „Save Your Tears For Another Day“. Und auch bei angekurbeltem Tempo (etwa „Without A Heart“ mit seinem schönen Offbeat und der wimmernden Orgel) verschlägt einem der 71-jährige Lee Fields die Sprache. Vintage vom Feinsten.


Nosaj Thing: „Continua“ (Lucky Me)

Jason W. Chung ist der Klanglandschaftsarchitekt, dem die HipHopper vertrauen: Kendrick Lamar, Chance the Rapper und Kid Kudi schwören auf seine Dienste, neben vielen anderen. Unter dem Künstlernamen Nosaj Thing macht er sein eigenes Ding, wobei: Aufregende Gäste hat er sich geladen auf seine neue, nunmehr fünfte Studioplatte „Continua“, etwa Panda Bear vom Psych-Pop-Projekt Animal Collective und auch serpentwithfeet, der queeren Gospel macht. 

Herausgekommen ist ein melancholisch zartes, elektronisch angejazztes Downtempo-Album, das auch Fans von James Blake munden dürfte, der ja, wie Nosaj Thing selbst auch, im sonnigen Los Angeles haust. Das kann doch kein Zufall sein!


Benjamin Clementine: „And I Have Been“ (Preserve Artists)

Wo ist das Piano hin? Fast zweieinhalb Minuten müssen wir warten, bis Benjamin Clementine auf seiner neuen Platte Tasten drückt. Eigentlich doch sein Signature-Sound-Instrument; würden Leute meinen, die seine früheren Arbeiten kennen. Stattdessen croont Clementine erst mal über einem munteren Bass, bis rhythmische Streicher-Riffs eingreifen.

Dass Benjamin Clementine, der zeitweise obdachlos in Paris lebte, bevor er bei glamourösen Fashion-Shows und Filmfestivals hofiert wurde, eine Neuerfindung wagen wollte – das hat sich schon angedeutet dadurch, dass er sich von seiner vorherigen Plattenfirma löste, um nun auf eigenem Label zu releasen. Die LP „And I Have Been“ wartet nun mit allerlei Neuem auf, auch vokalen Labyrinthen („Difference“).

Erst im vierten Track („Genesis“) hämmert das Klavier Clementine-typisch los; allerdings flankiert von Gitarren. Die Nina-Simone-artigen stimmlichen Ausraster (die auch Clementines Liveshows kennzeichnen) fehlen etwas. Anscheinend hat Benjamin Clementine etwas mehr Frieden als vormals gefunden. Es sei ihm gegönnt. Und uns tut es auch gut in solch unruhigen Zeiten.