Berlin - Als das Pop-Genie Prince im April 2016 starb, erinnerten sich einige wenige Privilegierte in Berlin vor allem an einen Auftritt im Kellerclub Quasimodo in der Kantstraße. Prince hatte dort, unter eine Kapuze verborgen, 1987 ein intimes Konzert zu nächtlicher Stunde gegeben. Wer dabei war, spürte ganz unmittelbar die mythische Kraft, die von dem kleinen Mann an der Gitarre ausging.

Inzwischen vermittelt sich dessen Energie über den „Tresor“, dem Studiokomplex und Rückzugsort von Prince Paisley Park bei Minneapolis. Der schon zu Lebzeiten des US-Musikers legendäre Kellerraum „The Vault“ soll zahllose unveröffentlichte Aufnahmen enthalten.

Zwölf davon – ein 2010 komplett mit Band eingespieltes, dann ins Archiv verbanntes Album – haben die seriös vorgehenden Prince-Nachlassverwalter nun herausgebracht. Um es kurz zu machen: Das neue Werk „Welcome 2 America“ ist ein großes Fest nicht nur für Millionen immer noch trauernde Langzeitverehrer, sondern auch für Pop-Fans, die Prince über Hits wie „1999“, „Purple Rain“ oder „The Most Beautiful Girl In The World“ kennen.

Mit schnarrender Funk-Gitarre

Der Kritiker Alexis Petridis (The Guardian) sprach bereits vom besten Prince-Album seiner beiden letzten Karriere-Jahrzehnte. Der Auftakt des lange verschollenen Albums, der Titelsong „Welcome 2 America“, lässt sofort alle Fehlentscheidungen und Schlampigkeiten dieses begnadeten Musikers vergessen: Ein cooler Bass-Groove, Triangel, Fingerschnipsen, weibliche Soul-Chorstimmen, dann der unnachahmliche Sprechgesang von Prince Rogers Nelson, irgendwann kommt dessen typisch schnarrende Funk-Gitarre hinzu. Nicht nur musikalisch erinnert dieses Stück an seinen vielleicht größten Song überhaupt, das wütende „Sign O’ The Times“ von 1987.

Immer wieder wird man auch an die Polit-Soul-Alben der 70er von Curtis Mayfield, Marvin Gaye oder Sly Stone erinnert („One Day We Will All B Free“). Aber selbst ein erotisch aufgeladenes Falsett-Stück wie „When She Comes“ hat der Pop-Gigant wieder im Angebot. Die Groove-Stücke „Check The Record“ und „Same Page, Different Book“ dürften nicht nur Funk-Fans erfreuen.

Ein sorgfältig kuratierter Nachlass

Nach dem Klavier/Gesang-Solo „Piano & A Microphone 1983“, dem ersten postum veröffentlichten Studioalbum (2018), erschien „Originals“ (2019) – eine Zusammenstellung der Originalversionen von 15 Songs, die Prince einst anderen Künstlern zur Verfügung gestellt hatte. Außerdem wurden das Live-Album „Up All Nite With Prince“ und enorm erweiterte Editionen seiner ikonischen 80er-Jahre-Platten „1999“ und „Sign O’ The Times“ herausgebracht.

Die Bedeutung von „Welcome 2 America“ hatte Nachlasskurator Michael Howe schon vor zwei Jahren angedeutet. Zu den Gründen für Nichtveröffentlichungen fertiger Studioalben sagte er damals im Spiegel: „Man kann Prince zwar als wankelmütig bezeichnen, aber er hatte eine extrem klare künstlerische Vision.“