Berlin - Der Saal 3 im Berliner Funkhaus ist sein Zuhause. Nils Frahm hat zwar kein Bett und keine Zahnbürste hier stehen. Doch die Art und Weise, wie der 38-jährige Musiker sich über die etwa 200 Quadratmeter seines Studios bewegt, die Milch aus dem Kühlschrank holt, einen Kaffee an der alten Siebträgermaschine kocht, wie er sich in einem braungrünen Sessel niederlässt und eine Zigarette dreht, verrät es. „Ich bin eigentlich jeden Tag hier“, sagt er. Und man versteht ihn sofort. 

Konzipiert wurde der Saal 3 in den 1950er-Jahren als Aufnahmeraum für Kammermusik. Die längste Zeit nutzte ihn der Rundfunk der DDR – wie auch die restlichen Einheiten in dem Gebäude. Nach der Wende zogen andere Sender ein, Künstler und Veranstalter; das Funkhaus kam unter Denkmalschutz, neue Pächter meldeten sich an, die Geschichte ist lang. Für Frahm beginnt sie hier:

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Nils Frahm schätzt, dass er 30 bis 40 Instrumente im Studio aufgebaut hat.

Es ist das Jahr 2015, und er hat schon mehrere Alben und EPs veröffentlicht. Dazu gehören die Arbeiten mit dem isländischen Multiinstrumentalisten Ólafur Arnalds sowie die Filmmusik, die er für Sebastian Schippers „Victoria“ schrieb. Seine Mischung aus klassischer und zeitgenössischer Klaviermusik, die er häufig mit elektronischen Einflüssen und effektbeladenen Melodien kombiniert, beschreiben Kritiker als „faszinierend“ (Guardian), „schwungvoll“ (New York Times), „schön“ (Zeit). Bei seinen weltweiten Konzerten bedient der gebürtige Hamburger neben dem Piano einen Juno-Syntheziser und ein Fender Rhodes, eine Art E-Piano mit einem speziellen Klang. Seine Auftritte sind fast immer ausverkauft. Eigentlich hätte sich Frahm in seiner Zweizimmerwohnung in Wedding zurücklehnen können. Als er im Autoradio vom „Tag der Blumen“ hört, kommt ihm jedoch eine Idee.

Das größte Klavier der Welt im Funkhaus

„Ich dachte, wie geil es ist, einen Tag zu haben“, sagt Frahm. Er recherchierte, was es für eine Gründung bedarf und fand heraus, dass ihn einfach mehrere feiern müssten. So initiierte er am 29. März 2015, entsprechend den 88 Tasten auf dem Klavier am 88. Tag des Jahres, erstmals den Piano Day. Er wollte damit nicht nur die Freude am Spielen teilen, sondern auch das Instrument weiterentwickeln. Das erste Projekt kreierte er dann mit dem Klavierbauer David Klavins: den Flügel 450 in einer XXL-Version – 4,50 Meter hoch und fast eine Tonne schwer. Das sorgte für so viel Aufsehen, dass die mittlerweile neuen Besitzer vom Funkhaus anriefen und ihn fragten, ob sie „das größte Klavier der Welt“ haben dürften. Am selben Tag unterschrieb er einen Vertrag für das Studio.

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Neben dem Piano spielt Nils Frahm auch am Synthesizer.

Bis heute ist es das, was Frahm schließlich in Berlin hält. Die sieben Meter hohen Decken mit Holzkassetten und die Wände mit stilisierten Lilien haben etwas Anziehendes. Neben dem eigentlichen Saal befindet sich ein Kontrollraum, für den Frahm ein neues Mischpult bauen ließ, dahinter ist eine Echokammer, die in einer Zeit vor Effektgeräten dazu diente, den Aufnahmen Raum zu verleihen. In Interviews sagt der Pianist gerne, dass das Studio ihn gefunden habe. Wenn Frahm Musik macht, geht er dann von Zimmer zu Zimmer. Mal sitzt er vor einem der vielen Klaviere, mal vor einem der etlichen Synthesizer. Für den diesjährigen Piano Day fand er sich aber hauptsächlich vor dem Mischpult wieder.

Frahm zeigt auf den Kontrollraum, als bärge der einen Schatz. „Während der letzten Monate habe ich aufgeräumt“, erzählt er, „Kabel neu verlegt, Aufnahmen sortiert.“ Dabei wiederentdeckt habe er die Aufzeichnung „Graz“. Ein Album, das 2009 im Rahmen von Thomas Geigers ausgezeichneter Abschlussarbeit „Conversations for Piano and Room“ im Haus für Musik und Musiktheater der Kunstuniversität Graz produziert wurde. Ein Werk, das vom Moment am Flügel lebt.

Nils Frahm liebt das Klavier nicht

Frahm sagt, dass er so nicht mehr spielen könne und wolle. Das irritiert. Da wirkt dieser gefeierte Musiker in seinem grau melierten Pullover, der weiten Jeans und der schiefen Schiebermütze für einen Augenblick wieder so, als stünde er ganz am Anfang. Doch es kehrt schnell der lässige Pianist zurück, der erklärt, dass das Klavierspielen mit Gefühlen zu tun habe. Sobald sich eine Emotion verändere, verändere sich auch die Bewegung in den Fingern und damit der Sound. Im Endeffekt fühle er einfach nicht mehr wie damals, wie ein 26-Jähriger.

Zuerst habe er das Album nicht rausbringen wollen, erzählt Frahm weiter. Er mochte die Aufnahme nicht, generell sei er oft mit dem Klavier unzufrieden. Die Basstöne hätten etwa nie diese Fülle, wie man sie von dem Spiel eines Bassisten kennt. „Wenn ich das Klavier wirklich lieben würde, hätte ich es akzeptiert und nicht seit jeher verändern wollen“, erklärt er. Das sei aber wiederum ein Grund, warum er sich so ausgiebig mit dem Instrument beschäftigt habe, mit einem Klavierbauer getroffen, mit Technik experimentiert.

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Im Studio hat sich Nils Frahm verschiedene Arbeitsplätze eingerichtet.

Dass Frahm bei seinem Instrument blieb und ihm sogar – wenn auch aus einer spontanen Idee heraus – einen Tag widmete, beschreibt er als eine Art Bequemlichkeit: „Ich hatte mit dem Klavierspielen angefangen und das war’s!“ Nach Gelegenheitsjobs und einem geschmissenen Studium in Musikwissenschaft hat sich diese Bequemlichkeit zumindest gelohnt. In diesem Jahr findet Frahms Tag zum sechsten Mal statt, zählt man seine EPs mit, hat er bisher 15 Soloplatten rausgebracht. „Graz“ ist mit neun freien und in sich roh wirkenden Kompositionen somit die 16. Veröffentlichung. Mittlerweile gefalle ihm das Album auch wieder, sagt Frahm. Was damals entstand, sollten endlich auch andere hören können. Am Piano Day wirkt diese Musik wie eine Liebeserklärung ans Instrument. Bei einer über 15-jährigen Karriere muss letztlich immer ein wenig Liebe im Spiel sein.

Frahm: „Es gibt nur gute und schlechte Musik“

Aktuell baut sich Frahm noch einen Betrieb auf, verrät er, zudem sei er immer auf der Suche nach neuen Künstlern. Welches Genre die bedienen, sei ihm egal. „Es gibt nur gute und schlechte Musik“, sagt Frahm. Das seien die beiden Musikgattungen, die für alle gelten müssten. Die ewigen Diskussionen um Kategorien und Vergleiche, die vor allem experimentelle Pianisten wie ihn, Chilly Gonzales oder Max Richter betreffen, nerven. „Es gibt für uns eigentlich keine wirklich Bezeichnung, und bei vielen Sendern fallen wir dadurch aus dem Raster“, sagt Frahm. 

Er erinnert sich noch gut an seine ersten Klavierstunden bei Nahum Brodski, dem letzten Schüler Tschaikowskys. Der war immer darauf bedacht, dass akkurat nach Noten gespielt wurde. Frahm bevorzugte aber schon immer das Spielen nach Gefühl, nach seinen eigenen Regeln.

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Nils Frahm liebt das Klavier nicht, deswegen experimentiert er mit den Tönen.

Im Studio dreht er sich erneut eine Zigarette. Neben dem braungrünen Sessel, in dem er sitzt, steht ein ebenso brauner Heizlüfter, links davon ein Tisch und die Kaffeemaschine. Wohnzimmer- und Küchenatmosphäre im Saal 3. Frahm blickt auf ein paar Kabel, die er noch zusammenrollen muss. Zu Hause ist immer etwas zu tun.

Nils Frahm: „Graz“ (Erased Tapes) ist ab dem 29. März erhältlich