Feminismus, Friedenspolitik und Antikapitalismus: Nina Hagens neue LP „Unity“

Trotz gelegentlichem Verschwörungsvokabular und Linken-Bratwurststand-Sound: Nina Hagen ist und bleibt eine der relevantesten Künstlerinnen des Landes.

Nina Hagen
Nina HagenGabo

Es schneit etwas überraschend in diesen Winter herein, das neue und mittlerweile 15. Soloalbum von Nina Hagen. Sie ist also noch da, die deutsche – und zugleich denkbar undeutsche – Pop-Diva schlechthin, und Musik macht sie auch noch. Vor mehr als zehn Jahren veröffentlichte die inzwischen 67-Jährige zuletzt ein Album, „Volksbeat“ (2011); entsprechend gespannt durfte man auf das diese Woche erscheinende Werk „Unity“ sein.

Die erste Erkenntnis, die „Unity“ bringt, ist diese: Nina Hagen ist immer noch eine der relevantesten deutschen Künstler:innen – so sehr ihr das auch in und von der Öffentlichkeit oft abgesprochen wird. Auf „Unity“ lässt sich Nina Hagen inspirieren von internationalen Heroen und Heroinnen der Popgeschichte: Der Titeltrack ist ein saftig-grooviges Dub-Stück, das sie gemeinsam mit dem US-Funk-Großmeister George Clinton (Funkadelic/Parliament) aufgenommen hat. Ihre Coverversion des Folk-/Country-Traditionals „Sixteen Tons“ hätte Tom Waits wohl nicht überzeugender hinbekommen. Und auch die Sheryl-Crow-Adaption „Redemption Day“ klingt bewegend, beseelt, berauschend.

Einige zentrale Stücke (neben den genannten auch noch Bob Dylans beziehungsweise Marlene Dietrichs „Die Antwort weiß ganz allein der Wind“) sind also Neuinterpretationen, und das passt gut zu dem, was „Unity“ insgesamt transportiert. Denn dieses Album zeigt eine bislang weniger bekannte Seite Nina Hagens. Dass sie in ihrer erfolgreichsten Zeit Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger von Punk und New Wave, von Brecht/Weill geprägt war, das wusste man. Klassiker wie „Du hast den Farbfilm vergessen“ (1974) atmeten ein Stück weit Weimarer Geist, „Aufm Bahnhof Zoo“ (1978) und „TV-Glotzer“ (1982) waren frühe deutsche Punk-Kracher.

Nun aber zeigt sich Hagens Hang zum US-Folk, zum Funk und zum Dub. Die Stücke klingen überwiegend dicht und dringlich, sind überdies toll produziert von ihrem langjährigen Weggefährten Warner Poland. Anders als „Volksbeat“ (2011) steht „Unity“ somit gut in der Zeit: Die frauenfeiernde Uptempo-Nummer „United Women Of The World“, die in Zusammenarbeit mit der jamaikanischen Sängerin Liz Mitchel und New-Wave-Ikone Lene Lovich entstanden ist, kommt wie ein zeitgemäßes Manifest für Geschlechtergerechtigkeit daher – und auch eine Art Aktualisierung ihres Songs „Unbeschreiblich weiblich“ (1978).

Sie will unsere Liebe

Inhaltlich deckt „Unity“ das weite Feld ab, das Nina Hagen schon lange beackert: Feminismus, Friedenspolitik, Antikapitalismus. Wie schon in ihrer gesamten Künstlerinnenlaufbahn überzeugt das Ergebnis mal mehr, mal weniger. Das kapitalismuskritisch dahin mäandernde „Geld, Geld, Geld“ ist zum Beispiel eher ein Fall für Bratwurststände auf Linken-Parteitagen – dort könnte es klatschend und schunkelnd mitgesungen werden („Wir leben in einer traurigen Welt/ was alleine zählt ist Geld, Geld, Geld“). Auch das düsterrockige „Venusfliegenfalle“ („Der Kampf ums All/ hat gerade erst begonnen“) kommt mit verschwörungstheoretischem Vokabular, mystifizierend und esoterisch raunend daher. Nicht dass das von Nina Hagen überraschend käme; das falsche Lied zur falschen Zeit ist es dennoch.

Aber Nina Hagen verzeiht man vieles, so auch auf „Unity“. Hier singt, spricht und schreit die vielleicht wandlungsfähigste Pop-Künstlerin Deutschlands. In „Sixteen Tons“ ist die bluesig-finster-raue Nina Hagen zu hören, ihrem Gesangsduktus scheint die schwere Arbeit in der Kohlegrube, von der das Lied handelt, anzuhören zu sein. Die schwere Thematik transportiert Hagen auch in „Redemption Day“ im Wortsinne ungeheuer gut. Das im Original 1996 entstandene Stück handelt vom Bosnien-Krieg. Wie Hagen den Refrain des Songs fast schon in Sisters-Of-Mercy-Manier intoniert, gehört zu den großen Momenten dieses Albums („There is a train that’s heading straight/ To Heaven’s gate, to Heaven’s gate/ And on the way, child and man/ And woman wait, watch and wait/ For redemption day“).

Die Sprache der Liebe hat Nina Hagen aber natürlich ebenfalls drauf, auch das kann ganz unterschiedlich klingen: Im bassig-fusionmäßigen „Gib mir deine Liebe“ möchte sie die Liebe herbeikrächzen und -krähen, während das Album mit einer bittersüßen Schmachtballade endet, einem Duett mit Bob Geldof („It doesn’t matter now“).

Im jungen Alter hat Nina Hagen mit dem Debüt der „Nina Hagen Band“ (1978) und ihren Soloalben der frühen Achtziger den deutschen Pop mitdefiniert – mehr noch als mit ihrer Musik vielleicht mit ihren Auftritten, mit denen sie die prüde alte BRD vorführte. Rund 40 Jahre später kann sie sich zwar nicht völlig neu erfinden – „Unity“ lässt aber hoffen, dass von dieser unverwechselbaren und unkorrumpierbaren Berliner Künstlerin auch im fortgeschrittenen Alter noch Großes kommen kann.

Nina Hagen: „Unity“ (Grönland Records)