Es sieht nicht gerade nach dem Stoff aus, der Popträume schafft: Im Video zu „You So Done“, einem Stück von Noga Erez’ zweitem Album „Kids“, sieht man eine Frau, die ein paar beunruhigende Minuten lang von einem Roboterarm hilflos durch die Luft geschleudert und zu Boden geschlagen wird. Die Musik dazu schwappt mit prachtvoll breit quatschenden Bässe daher, darüber spricht und singt Erez von Narben an geheimen Orten, von Klaustrophobie und Selbstzerstörung, von Zärtlichkeit vor einem Mord. Die Songs von Noga Erez zielen klug und laut auf Radio und Dancefloor, aber die Texte spielen fern von erotischen Teasern oder introspektivem Liebesleid.

Mit „Dance While You Shoot“ wurde die mittlerweile 31-jährige Israelin vor vier Jahren bekannt, auch weil sich Apple das Stück als Werbung für sein Musikportal erwählt hatte. Bemerkenswert, weil israelische Popkünstler, so der Titel ihres Albumdebüts, „Off the Radar“ laufen. Zumal, wenn sie wie Erez mediale Manipulation und Missbrauch, israelische Politik und den verfahrenen Palästina-Konflikt ansprechen.

Inspiriert von Gorillaz, Outkast und Kendrick Lamar

Dies tat die studierte Pianistin und Komponistin so ausgiebig, dass sie in Interviews – mit zunehmender Wut auf die komplizierte Lage – mehr über ihre Heimat als über ihre Musik sprechen musste. So wollte sie nun, sagte sie über „Kids“, den Fokus ins Persönliche, in die kleine Geschichte aus dem großen Ganzen verschieben. „I’ve been dipdipdipdip deeply depressed“ lauten, leicht und schwer zugleich, ihre ersten Worte auf dem Album.

Musikalisch spiegelt sich das in Poparrangements, denen man einerseits ein tiefes und originelles harmonisches Verständnis anhört; andererseits einen selbstbewusst vertüftelten Sinn für die gemeinsam mit ihrem Partner Ori Rousso gestalteten Arrangements. In den ebenso eingängigen wie rhythmisch vielschichtigen Songs präsentiert sie zudem stolz ihre Einflüsse von wuchtigen Gorillaz-Schüben, den schillernden Layers Kendrick Lamars oder der Quirligkeit Outkasts. Bunt, vital und mit geschmeidiger Eleganz erzählt sie von den grundsätzlichen Verhältnissen über Erlebniswelten und Beziehungen, rappt und singt zu scheppernder G-Funk-Wucht, trockener Elektropercussion und schlierigen Stomps von gekauften Meinungen – oder von „Kids“, die unter permanenter Spannung aufwachsen.

In „End of the Road“ schließlich schöpft sie aus dem Verlust einer geliebten Person kraftvollen Lebenswillen, weil niemand weiß, was am „End of the Road“ wartet. So spürbar der Druck hinter den Liedern, so entschlossen, ja trotzig reckt sie darin das Kinn. Noch aus der Erschöpfung zieht sie den lockersten Pop: Im Hit des Albums, „No News On TV“, sehnt sie sich ganz schlicht nach ein wenig eskapistischem Lärm.

Noga Erez: „Kids“ (City Slang) erscheint am 26. März