Es ist der Moment kurz bevor der Vorhang sich öffnet. Das Publikum hat schon seine Plätze eingenommen, das Geraune ist noch nicht ganz verstummt, da tritt am Sonnabend um kurz nach halb acht ein Vertreter der Komischen Oper auf die Bühne. „Wir spielen heute Abend für Sie“, sagt er. Es gibt ein paar Lacher. Als der Mann weiterspricht, wird klar, dass das kein Witz war und es überhaupt nicht selbstverständlich ist, dass diese Vorstellung stattfindet. Dass in Zeiten von Omikron jede Vorstellung auf dem Spiel steht. Alle 48 Stunden machen die Mitarbeiter des Hauses einen PCR-Test, erklärt er. Das Ergebnis kann Spielpläne kippen.

19 Mitglieder des Chors fallen an diesem Abend in der Komischen Oper aus

Kurz hätten sie tatsächlich überlegt, an diesem Abend die von vielen ersehnte Wiederaufnahme von Jaques Offenbachs Oper „Les Contes d'Hoffmann“ in der Regie von Barrie Kosky abzusagen. So erfährt man es in dieser Vorrede. 19 Mitglieder des Chors fallen an diesem Abend aus. Sie sind entweder krank oder in Quarantäne. Die übrigen singen den ganzen Abend lang – und das ist unerhört – mit Maske. Vielleicht klingt das „Jusq’au matin, remplis, remplis mon verre“ ein ganz klein wenig gedämpft in der Szene, wenn Hoffmann in der Weinstube von Lutter & Wegener mit Studenten zecht. Aber vor allem klingt es unter diesen Umständen sensationell gut. Und es ist heldenhaft, das weiß jeder, der sich mit der Maske vor Nase und Mund schon mal körperlich angestrengt hat. Zum Singen braucht man viel Luft.

Das Bild, das sich an diesem Abend auf der Bühne bietet, hat jedenfalls das Zeug zur Ikone. Und die Dankbarkeit, die man am Ende empfindet, übersteigt das übliche Dankbarkeitsgefühl beim Besuch einer gelungenen Inszenierung bei weitem.

Nur die After Show Lounge, mit der sie jede Wiederaufnahme oben im Foyer bei Cocktails und Musik feiern wie eine Premiere, und bei der das Publikum die Künstler treffen kann, lassen sie an diesem Abend ausfallen. Auch wenn man seit dem 28. Dezember für den Opernbesuch nicht nur einen 2G-Nachweis braucht, sondern selbst Geboosterte auch einen Corona-Test vom Tage. „Sie können sich draußen in der Kälte noch weiter unterhalten“, hat der Vertreter der Oper in der Vorrede vorgeschlagen.

Dieser Opernbesuch macht einem klar: Auch wenn die Politik zunächst auf einen Kultur-Lockdown verzichtet hat – Omikron könnte jederzeit seinen eigenen Lockdown erzwingen. Also nichts wie in die Theater, so lange sie dort noch spielen können!