Berlin - Selbst wenn man sich mit Covid-19 anstecken wollte, bekäme man in Berlins Konzertsälen kaum die Chance dazu. In Philharmonie und Konzerthaus wurde man in den wenigen offenen Wochen zwischen den Lockdowns auf vielfältigen Pfaden in einen Saal geführt, der zu einem Viertel besetzt war; kam man allein, war der nächste Besucher mehrere Meter beziehungsweise Sitzplätze entfernt. Atmosphärisch war das eher unbefriedigend, aber vor Viren fühlte man sich sicher.

Die enorme Wirksamkeit der Hygienekonzepte in Konzertsälen und Opernhäusern ist mittlerweile in vielen Studien belegt worden, ob nun von der TU Berlin mit Zahlen wie einem temporären R-Wert von 0,5 bei Belegung zu 30 Prozent oder vom Fraunhofer-Institut qualitativ mit der Feststellung, dass sich Aerosole unter den gegebenen Bedingungen mit moderner Lüftung nicht verbreiten, dass unter Umständen sogar „thermische Effekte“ eines vollbesetzten Saales den Luftaustausch befördern können.

Demnach sollte einer baldigen Öffnung der musikalischen Institutionen wenig im Wege stehen, meint man und meinen auch die Intendanten von Opern- und Konzerthäusern.

„Rheingold“ auf dem Parkdeck

Andrea Zietzschmann spricht als Intendantin der Berliner Philharmoniker immerhin für das Orchester, das noch weitgehend normal arbeitet, weil es dank des technischen Equipments der Digital Concert Hall jedes seiner Konzerte streamen kann; andere Häuser haben die dazu taugliche Ausstattung nicht installiert und brauchen daher Kooperationspartner, wenn sie wie die Staatsoper Unter den Linden eine Produktion wie die Mitte Februar bei 3sat vorgestellte „Jenůfa“ nicht ins Leere proben wollen. Aber, so betont Matthias Schulz, Intendant des Hauses, Ziele wie eine solche Premiere seien „rasend wichtig“ für das Personal des Hauses. Ebenso sieht es Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper, die aktuell „Francesca da Rimini“ von Riccardo Zandonai probt: Es sei mittlerweile schwer, die Künstler länger zurückzuhalten, man sei bereit, an die Grenzen des Möglichen zu gehen – und hatte das ja schon im Sommer mit dem „Rheingold“ auf dem Parkdeck getan. Am 14. März wird „Francesca da Rimini“ im Stream zu sehen sein und auch auf DVD aufgezeichnet werden.

Anfang Februar gab es Gerüchte aus dem Kultursenat, die Spielzeit sei gelaufen. Dann hieß es, eine Öffnung zeitgleich mit der Gastronomie werde möglich – also nach den Museen, obwohl dort anders als in Konzerthäusern die Leute umherlaufen, dadurch mehr atmen und sich näher kommen als beim bloßen Sitzen in einer Sesselreihe. Nun hat Kultursenator Klaus Lederer angekündigt, die Konzert- und Opernhäuser zusammen mit dem Einzelhandel wieder öffnen zu wollen. Dietmar Schwarz meint, dies sei das Mindeste, wenn der Einkauf im Baumarkt doch viel gefährlicher sei als der Besuch einer Oper. Den Lockdown light im November und Dezember empfanden er und seine Kollegen als ungerecht und unverständlich. Dessen Ineffizienz gibt ihnen recht, weil sich die Menschen nie in den Kulturinstitutionen, sondern eher beim Einkaufen angesteckt haben.

Nun ging es immer eher darum, mit dem Schließen der Kultureinrichtungen weniger Anlass zur Mobilität im öffentlichen Raum zu geben – aber auch das scheint angesichts des im November schon festgestellten relativ geringen Infektionsrisikos in Bus und Bahn wenig stichhaltig – außerdem ist das bürgerliche Publikum von Oper und Konzert meist in der Lage, privat anzufahren.

Natürlich gibt es in den Häusern Öffnungswünsche: Die Staatsoper möchte ab dem 1. April die Oster-Festtage samt „Figaro“-Premiere durchführen. Da das internationale Publikum in diesem Jahr ausbleiben wird, planen Daniel Barenboim und Matthias Schulz das Osterfestival in diesem Jahr als verkürzte Ausgabe als Festtage für Berlin mit ermäßigtem Eintritt anzubieten.

Wann dürfen die Chöre wieder singen?

Die Berliner Philharmoniker sind gespannt, ob sie zu Ostern in Baden Baden auftreten werden, auch dort sind ab dem 27. März zahlreiche Veranstaltungen geplant und, anders als das Europa-Konzert am 1. Mai in Barcelona, noch nicht vollständig abgesagt, aber auch „nicht buchbar“, weil niemand weiß, wie viele Zuhörer man, falls überhaupt, hineinlassen darf. Für das Europa-Konzert sucht man jetzt einen neuen Ort, um es von dort zu übertragen.

Dietmar Schwarz kämpft mit dem geplanten „Ring des Nibelungen“. Nachdem im Oktober die „Walküre“ Premiere hatte, wird jetzt der „Siegfried“ geprobt, das im Juni ausgefallene „Rheingold“ müsste auch noch vorgestellt werden, und für November wird bereits der gesamte „Ring“ beworben – den Kartenverkauf hat das Haus allerdings noch nicht gestartet.

Sebastian Nordmann, Intendant des Konzerthauses, will im Mai 200 Jahre Konzerthaus feiern mit Gala und Open-Air-Veranstaltung, im Juni mit einer Aufführung des „Freischütz“, der 1821 hier uraufgeführt wurde. Die Wahrscheinlichkeit einer Öffnung im Juni ist nicht so gering, aber ob dann die berühmten Chöre des Werks erklingen dürfen?

Nordmann macht darauf aufmerksam, dass es ja nicht nur um das Publikum und die Ausführenden geht, sondern auch um das Personal im Haus, sei es technisch oder administrativ. Getestet wird unausgesetzt überall, mindestens zweimal in der Woche, es gab einzelne Fälle, aber keine Ansteckungen im Betrieb, berichtet Andrea Zietzschmann aus der Philharmonie. Und sowohl sie wie auch ihre Kollegen sind in die aktuellen Studien und auch in die Entwicklung der vor einer Woche vorgestellten Öffnungsszenarien von Sport- und Kulturverbänden involviert aus dem vitalen Interesse, die Türen wieder zu öffnen.

Das Verständnis für die politischen Maßnahmen, für das, was sie zuweilen als „Berufsverbot“ bezeichnen, schwindet. In einem offenen Brief der Berliner Theater und Konzerthäuser an die Bundeskanzlerin und den Berliner Senat wird gerade auch im Hinblick auf den sinnlosen Lockdown im November auf schnellstmögliche Öffnung gedrungen. Innerhalb von zwei Wochen könnten die Häuser wieder Publikum empfangen. Die Hoffnungen richten sich auf den nächsten Corona-Gipfel am Mittwoch – während die Infektionszahlen wieder leicht steigen.