Berlin - Zum ersten Mal einen Ton auf einer Orgel zu spielen – davor hatte ich Respekt. Kein Musikinstrument gehört auch nur annähernd so zu einem Raum wie die Orgel in der Kirche. Jedes Instrument wird individuell an die Größe und die akustischen Verhältnisse des Raumes angepasst. Jedes ist, auch wenn es nationale und historische Orgeltypen gibt und mit ihnen immer wiederkehrende Register und Klangfarben, einzigartig. Bis zur industriellen Revolution war es die komplizierteste Maschine, die von Menschenhand gebaut werden konnte. Es ist trotz seiner Individualität dennoch ein seltsam seelenloses Gerät: Während der Klang bei allen anderen Instrumenten vom Spieler beeinflusst werden kann, liegt er bei der Orgel nach Wahl der Registrierung fest; um sich auf diesem Instrument auszudrücken, heißt das Zauberwort „Artikulation“ – doch dazu später mehr.

Der Respekt vor meinem ersten Orgelton hing allerdings weniger mit der Ehrwürdigkeit des Instruments zusammen als mit der des Raumes. Man muss dazu kein gläubiger Mensch sein, es genügt die Achtung vor der seelischen Kraft und der buchstäblichen „Inspiration“, die Menschen zu diesen Architekturen bewegt hat. Es sind Räume, die nur zu Festen belebt werden, den Rest der Zeit – und natürlich auch vor dem Orgelüben – liegen sie in Stille, und diese Stille zu brechen, ist ein Vorgang besonderer Art. Der Ton, den ich spiele, erklingt nicht in der Privatheit einer Übezelle, nicht nur für meine prüfenden Ohren, er streckt sich in diesen offiziellen Raum, und den will man nicht mit unbedachtem Klang füllen.

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