Ein Echo vom Ritt auf dem Teppich: Yellow Magic Orchestra

Yellow Magic Orchestra sind die großen Electro-Pioniere Japans. Ryūichi Sakamoto bringt eine neue LP raus, kurz nach dem Tod des Bandkumpels Yukihiro Takahashi.

Yellow Magic Orchestra 2007 (v.l.n.r.): Ryūichi Sakamoto, Yukihiro Takahashi und Haruomi Hosono.
Yellow Magic Orchestra 2007 (v.l.n.r.): Ryūichi Sakamoto, Yukihiro Takahashi und Haruomi Hosono.AFP/Toshifumi Kitamura

Ryūichi Sakamotos neues Album „12“ zu hören, muss dieser Tage wehtun. Am 17. Januar erscheint es, pünktlich zum 71. Geburtstag Sakamotos. Die mal sanften, mal aufwühlenden Synthesizer- und Klavierskizzen sind als Klangtagebuch darüber entstanden, wie Sakamoto gegen seine Krebserkrankung ankämpfte. Die aus Sounds erzählte Story eines Überlebenden. Was natürlich niemand wissen konnte bei der Produktion der Platte: Dass Sakamoto nun, wenn dieses Album zur Feier seines 71. Geburtstages erscheint, auch einen alten Freund zu Grabe tragen muss: Yukihiro Takahashi. Der wurde keine 71, sondern starb am 11. Januar mit 70, wie die Japan Times am Sonntag vermeldete.

Weltberühmt wurden die beiden (mit Haruomi „Harry“ Hosono als Drittem im Bunde) in den späten Siebzigern als Yellow Magic Orchestra. Electro-Pioniere, deren spielerischer Einsatz von neuartiger Computertechnologie, Synthesizern und (crazy!) Videospiel-Sound-Samples damals so unerhört frisch und bällebadspaßig daherkam, dass sie weit über ihre Heimat Japan hinaus für Aufsehen und Aufhorchen sorgten.

Als die „japanischen Kraftwerk“ galten und gelten Yellow Magic Orchestra, obwohl ihr Sound doch insgesamt organischer und bunter klang als der der Düsseldorfer Avantgarde-Elektroniker. Aber mit einer Breitenwirkung, die sich durchaus mit Kraftwerk vergleichen lässt, bis hin zu frühem New Yorker Rap und auch Techno in Detroit – ohne den Berlin ganz sicher nicht die Techno-Clubstadt geworden wäre, die es heute ist.

Yukihiro Takahashi kam als Sänger und Drummer eine Schlüsselrolle in der Band zu. Schon mit 16, damals noch auf der Junior-High-School, hing er lieber mit den coolen College-Kids ab, und er spielte auch in deren Bands, auf deren Partys. Zum Trommeln kam er über seinen älteren Bruder. Und er liebte den Groove amerikanischer Motown-Acts, der dann auch Einzug in sein Spiel fand. Erste größere Erfolge feierte er mit der japanischen Rockband Sadistic Mika Band, deren Name übrigens seinen Schabernack mit Yoko Onos Plastic Ono Band trieb. Richtig durch die Decke ging es dann mit Yellow Magic Orchestra. Ein großer Flug, ein großes High auf dem magischen Klangteppich. Und obwohl sich die Band 1984 auflöste, hat sie sich doch immer wieder neu gegründet, 1992, 2002 und 2007. Wenngleich aus Rechtegründen immer unter neuen Namen.

Ryūichi Sakamotos neue Platte „12“ nun schmeckt dieser Tage etwas bittersüß – wie japanischer Matcha-Cheesecake mit arg viel Grünteepulver. Sakamoto griff, kurz nach einer Operation gegen den Krebs, zum Synthesizer. „Ich hatte nicht die Absicht, etwas zu komponieren“, sagt er. „Ich wollte einfach nur von Klängen überflutet werden.“ Beide hatten sie Krebs, Sakamoto und Takahashi. Bei beiden wurde erfolgreich operiert, doch Takahashi blieb stark geschwächt zurück. Zu Beginn des Jahres erkrankte er an einer Lungenentzündung.

Wenn man Sakamotos „12“ hört, klingt es wie der Echo-Traum dieses magischen Flugs, den die Kumpels zusammen unternahmen. Nur da, wo einst das magische Orchester wie eine Videospielhalle funkelte und schepperte und strahlte, sitzt nun ein alter Mann übers Klavier gebeugt, der sich erinnert. Es fühlt sich an, als säße man neben ihm und hörte ab und an auch eine Träne auf die Tasten kullern.