Berlin - Auf den zweiten Blick ist diese Paarung nicht so eigenartig, wie sie scheint: Ein 34-jähriger Elektroproduzent, ein 80-jähriger Free Jazz-Pionier, dazu 29 Streicher des London Symphony Orchestra treffen sich in sozialer Covid-Distanz zu einer schwindelerregenden Dreiviertelstundenmeditation.

Doch schon das LSO hat seine klassische Performance seit den 70er-Jahren popaffin aufgefrischt und Grammys u.a. für John Williams postwagnerianischen Star Wars-Soundtrack eingesammelt.

Beim Elektroniker wiederum handelt es sich um den Neurowissenschaftler Sam Shepherd, dessen Veröffentlichungen seit 2015 unter einer Housedecke fusionartige Netze spannt und noch im rhythmischen Pulsen der Stille zugewandt wirkte.

Auf den Trümmern der Tonalität

Tenorsaxofonist Pharoah Sanders seinerseits gilt als einer der letzten Großen der freien Spiritualität der 60er-Jahre. Mit R&B- und Sun Ra-Erfahrung im Rücken gab er dem späten John Coltrane mit Überdrucktechnik noch einmal frische Kraft und brachte mit dem Jazz Composers Orchestra von Michael Mantler und Carla Bley in einer kurzen Nummer stürmischen Überblasens seinen frühen Freiheitsbegriff auf den Punkt: Er riss die Tonalität ein, um sie auf den Trümmern nach eigenen Vorgaben neu zu errichten, mit afrikanischen und asiatischen Motiven, mit Chants und Gerassel, in suitenförmigen Langstrecken mit Alice Coltrane oder dem eigenen „The Creator Has a Masterplan“, der späten Hymne des spirituellen Aufbruchs der Sixties, wie der kürzlich gestorbene Jazzkritiker Christian Broecking einmal schrieb.

In den 90er-Jahren spielte er, während ihn Hip- und Trip-Hopper sampelten, mit konzentriertester Schlichtheit eins der schönsten Balladenalben der Jazzgeschichte ein, und öffnete sich zugleich Bill Laswells Dub-Experimenten mit afrikanischen Musikern oder dem elektronisch bearbeiteten Herzschlag, der unter „With a Heartbeat“ pulste.

Diese Neugier, Erfahrung und Tiefe fließt in „Promises“ zusammen, zu einem wundervollen Spätwerk in einer zeitlos modernen Architektur. „Promises“ ist in neun Sätze geteilt, was aber nicht viel zu sagen hat: Das Stück hebt und senkt sich vielmehr durchgehend, als würde es von einer sich immer wieder neu vergewissernden Atmung bewegt. Shepherd spielt zu Beginn ein minimalistisches Muster aus glöckchenhafter Elektronik und verhalltem Spinett, eine stille und gestreckte Figur als Leitmotiv.

Sanders erhebt sich daraus zunächst tastend und vorsichtig, verschlingt sich immer tiefer und lässt den erhaben spirituellen Ton steigen. Kurz nur, wie als Erinnerung an die frühen Tage, deutet er extatisches Quietschen an, um sich gleich wieder in freie Melodik zu versenken.

Die Streicher kommen erst im dritten Satz dazu, in den hohen Registern zunächst, später mit filmmusikalischer Spätromantik unter Sanders Linien, deuten zupfend einen Rhythmus an, schwellen dramatisch hoch, ziehen sich auf ein klagendes Cello zurück, um das Album zum Schluss mit schriller Schroffheit in die Ungewissheit zu öffnen.

Pharoah Sanders singt und brummt

Shepherd umhüllt währenddessen Sanders Flow mit analoger Synthetik, lässt spacige Sounds sirren, klingeln und knistern wie in einem elektronischen Vogelgarten, drängt feine Orgelakzente bis in fernes Pfeifen, wattiert die Räume mit sanften Echos.

In einer ganz stillen Strecke in der Mitte singt und brummt Sanders plötzlich zu den hellen Streichern und der zärtlichen Elektronik, führt seine Musik zum Ursprung zurück, an den Anfang aller Kunst: Der Spirit hinter der rätselhaften Schönheit dieses Albums ist seine tiefe Menschlichkeit.

Floating Points/ Pharoah Sanders/ London Symphony Orchestra – Promises (Luaka Bop/ Indigo)