Krass: Pussy Riot pinkeln in der Berliner Volksbühne auf Putin

Das russische Punk-Kollektiv will für das andere Russland stehen und verbreitet am Donnerstagabend eine krasse Energie. 

Pussy-Riot-Konzert in der Volksbühne, Berlin, 29. Dezember
Pussy-Riot-Konzert in der Volksbühne, Berlin, 29. DezemberBenjamin Pritzkuleit

Es ist ein Gottesdienst des anderen Russland, der am Donnerstagabend in der komplett ausverkauften Volksbühne stattfindet. Pussy Riot sind in Berlin und vertreten das Russland, das gegen den Krieg ist, gegen Putin. Das Russland, nach dem sich viele in Deutschland sehnen, von dem so wenig nach außen dringt. Stimmt es, wenn Pussy Riot sagen, dass dieses Russland aus ganz vielen besteht?

Pussy Riot in der Volksbühne: Die Punk-Band hat ihre Tournee im Mai 2022 begonnen. Hier schließt sich der erste Kreis.
Pussy Riot in der Volksbühne: Die Punk-Band hat ihre Tournee im Mai 2022 begonnen. Hier schließt sich der erste Kreis.Benjamin Pritzkuleit

Das erste Dia, das sie an die Leinwand werfen, zeigt den QR-Code, über den man einem Kinderkrankenhaus in Kiew Spenden zukommen lassen kann. Sie sammeln an jedem Konzertabend für dieses Projekt. Im ersten Song geht es um Revolution. Der Bass lässt den Brustkorb beben, sie schreien ihre Texte. „Putin pisst sich ein.“ Später steht Taso Pletnerauf einem Tisch, einem Altar, ihr zu Füßen ein Bild Putins. Sie hebt ihre Soutane, die sie sich kurz davor übergeworfen hat, und pisst darauf. Langsam färbt sich das Gesicht des russischen Präsidenten dunkel.

In Berlin hat die Band ihre Tournee im Mai 2022 begonnen, gleich nach der spektakulären Flucht des berühmtesten Riot-Girls Maria Aljoschina aus dem Moskauer Hausarrest. Hier schließt sich nun der erste Kreis. Und niemand weiß, wie viele Kreise noch folgen, niemand weiß, wann diese Tournee zu Ende sein wird, wann dieses einst nur aus Frauen bestehende Künstlerkollektiv zurückkehren kann nach Russland.

„Tages des Aufstands“ heißt das Buch des Pussy-Riot-Girls Maria Aljoschina

Die Punk-Performance zeichnet das Leben von Maria Aljoschina nach, die an diesem Abend in einem weißen Spitzenkleid auf der Bühne steht. Zitiert werden Passagen aus ihrem Buch „Riot Days“ (Tage des Aufstands), in dem sie die Geschichte ihres Kampfes gegen das Russland Putins erzählt, die 2011 begann.

Weltberühmt wurden Pussy Riot 2012 mit einer Performance in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale. Zwei Jahre Lagerhaft, lautete das Urteil. Maria Aljoschinas Sohn war damals vier Jahre alt, sie 24. Was damals vielleicht am meisten Eindruck machte, war der Stoizismus, mit dem die jungen Frauen die Strafen entgegennahmen. Gnadengesuche lehnten sie ab. Sie wollten Putin um nichts bitten.

„Der erste Hungerstreik ist wie die erste Liebe. Du verstehst überhaupt nichts, aber man sollte es auf jeden Fall ausprobieren“, schreien sie. Man würde kein Wort verstehen, aber es gibt Übertitel auf Deutsch und Englisch. Taso Pletner trägt ihre Querflöte manchmal wie einen Schlagstock auf den Schultern. Anton Ponomarew, der Saxofonspieler, hat ein knallrotes Kleid an. Die vierte im Bunde ist Diana Burkot, Riot Girl seit den Anfängen.

„Mutter Maria, vertreibe Putin“ – auch ihr Punk-Gebet aus der Christ-Erlöser-Kathedrale erklingt an diesem Abend in Berlin. Man sieht die Videos von damals. 40 Sekunden lang konnten sie sich vor dem Altar halten. Die bunten Strickmützen mit den ausgeschnittenen Augenlöchern, die sie in der Kirche trugen, sind bis heute ein Markenzeichen.

Das Anti-Kriegs-Lied von Pussy Riot

Die Performance scheint zu Ende, das Publikum tobt. Da treten die vier noch einmal auf die Bühne. Maria Aljoschina trägt jetzt ein T-Shirt, auf dem die ukrainische Flagge abgebildet ist. Ihr letztes Lied ist ein Aufruf gegen den Krieg, den ihr Land gegen die Ukraine führt. „Mama, ich bin in Gefangenschaft, Mama, schau kein Fernsehen“, lautet der Refrain. Es sind Worte, die ein kriegsgefangener russischer Soldat bei einem Telefonat seiner Mutter gesagt hat. Die Mutter solle der Propaganda in den Medien nicht trauen, meint er damit. Nazis gebe es in der Ukraine auch nicht.  

Ein langer Schrei dann steht ganz für sich: „Buchaaaaa!“ Das Konzert ist zu Ende. „Wir lieben die Ukraine“, sagt Maria Aljoschina auf Englisch. Ihre Kritik richtet sich auch gegen den Westen: Sie erinnert daran, dass auch der Westen Putin Waffen verkauft habe. „Putin mag eure Gleichgültigkeit.“

Es ist eine krasse Energie, die dieser Abend erzeugt. Viele Besucher lenkt sie beim Rausgehen auf den Stand mit den Merchandise-Artikeln. Hier gibt es Hoodies und T-Shirts, auf denen steht: „Every one can be Pussy Riot“.

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In einer früheren Version des Textes wurde Taso Pletner mit Olga Borisowa verwechselt.