„Für alles kennst du Wörter, die beschreiben, was du siehst / Für alles andere fehlt dir das Repertoire“, sangen Peter Rubel und Pedro Concalves Crescenti von der Band International Music am Sonntagabend am Ende ihres Konzerts im Festsaal Kreuzberg. Vorangegangen war ein intensiver Abend, bei dem das Trio aus Essen so manches auf den postmaterialistischen Punkt brachte: Gegensätze wie verunsicherte Gefallsucht versus Bedürfnis nach Zurückgezogenheit, etwa im vom Publikum besonders begeistert gefeierten Lied „Farbiges Licht“ vom Debütalbum „Die besten Jahre“.

Oder auch die metaphysische Dimension der endlich wieder relevanten Frage, ob man lieber in der Kneipe verweilen oder sich auf Mitmensch und Karriereoptionen einlassen soll. Gut, dass auch eine Band aus der Selbstoptimierer-Generation diese Frage genügend umtreibt, um sie an diesem Abend in gleich zwei Liedern zu beleuchten – nämlich in „Kneipe“  und „The Beauty of the Bar“.

Dabei sparen sich International Music in all ihren Stücken unnötiges Ornament; in gleichem Maße angelehnt an minimalistischen Post-Punk und satte Surf-Harmonien klingt jeder Gitarrenakkord, jeder Basslauf, jede Snare-Drum äußerst bewusst gespielt. In den ebenso bewusst gelassenen Lücken dazwischen tun sich Welten und Räume auf, für deren Beschreibung eben das verbale Repertoire fehlt.

Beim einsamen Plattehören sind dies assoziative Empfindungsmischungen. Im Konzert kommt das Bewusstsein hinzu, dass viele anwesende Individuen ihre sich der Sprache entziehenden Empfindungsgemische hier und jetzt erleben. Damit aber das resultierende Gemeinschaftsbewusstsein keinen religiös doktrinären oder pop-totalitären Charakter erhält, braucht es eben eine Band, die fürs Draufhauen ebenso viel Gespür hat wie fürs Subtile.

International Music sind Meister des Bruchs

Eine solche Band ist International Music. Natürlich trug auch eine gewisse Endlich-wieder-Livemusik-Euphorie zur Stimmung bei. Das Album „Ententraum“ erschien bereits im April letzten Jahres, die Tour musste mehrfach verschoben werden. Doch ohne fachkundige Anleitung wäre diese Euphorie schnell verpufft. Rubel, Crescenti und Schlagzeuger Joel Roters erwiesen sich als Meister des Uneindeutigen, des Bruchs.

Im Stück „Mein Schweiß“ etwa singen sie „meine Eltern kümmern sich um mich“, lassen die Aussage in ein mächtiges, verzerrtes Bassriff münden, das sofort den transzendentalen Mähnenschüttler in uns anspricht. Doch anstatt diesen Moment zwecks Mähnenschüttler-Trance andauern zu lassen, kommentierten sie ihn in seiner Offensichtlichkeit alsbald mit einer zerhackten Comedy-Jazz-Einlage, die das Stück dann beendete.

Andererseits handelt es sich bei International Music nicht um Musik-Joker oder Ironiker. Wie Dreijährige im Spielzimmer bauen sie aus ewig gleichen Bauklötzen ihre offene und doch sehr eigene Musik-und-Wort-Welt vor uns auf, eine Welt der euphorischen Melancholie. Rubels David-Byrne-hafte Bewegungen im Stück „Misery“ sowie Crescentis New-Order-hafter Basslauf am Schluss desselben fühlen sich nicht wie Referenzen an. Sie gehören halt an der Stelle genau da hin. Wie auch das an Trio erinnernde stoische Schlagzeugspiel von Joel Roters.

Und die den ganzen Abend durchziehenden verhallten Jesus-and-Mary-Chain-Akkorde bekommen eine neue Bedeutung. Sie sagen nicht: Ich lebe in Glasgow, nehme Heroin, es regnet, Margeret Thatcher regiert und ich muss irgendwie entfliehen. Sie sagen den anwesenden internetübersättigten Millenials: Alles ist im Überfluss da und verwirrt dich. Aber wenn du innehältst, kannst du dem Ganzen einige Teile entnehmen und etwas Eigenes daraus bauen. Wie International Music.