Berlin - An der Deutschen Oper Berlin entsteht der neue, von Stefan Herheim inszenierte „Ring des Nibelungen“ pandemiebedingt von der Mitte über den Anfang zum Ende. Nach der Premiere des ersten Teils „Die Walküre“ im vergangenen Oktober wurde am Sonnabend die Premiere des „Vorabends“ und „Das Rheingold“ mit einem Jahr Verspätung nachgeholt.

Vieles, was in Herheims Inszenierung der „Walküre“ rätselhaft blieb, klärt sich zumindest ansatzweise in „Rheingold“. Die im Oktober irritierenden Flüchtlingsscharen sind hier vom ersten Moment an präsent: Sie betreten die Bühne bei hellem Zuschauersaal, schreiten an den aus der „Walküre“ bekannten Flügel, und mit dem Niederdrücken einer Taste beginnt das berühmte tiefe Es aus dem Orchestergraben zu brummen. Auf die Menschenmenge wird wässrige Bewegung projiziert, der die Menschen bald folgen, und schon lösen sich die Rheintöchter aus der Menge, und Alberich beginnt, sich als Clown zu schminken.

Die Flüchtlingsschar zieht sich aus

Mit den Versuchen des Nibelungen-Zwergs, eine der Rheintöchter für sich einzunehmen, heizt sich die Atmosphäre in der Flüchtlingsschar auf, alle ziehen sich bis auf die Wäsche aus und umarmen einander. Alberich wird schließlich nicht nur von den Rheintöchtern verspottet – am schönsten von der Woglinde Valeriia Savinskaias –, sondern von allen: Vollkommen verständlich, dass er die Liebe verflucht und dadurch das Rheingold – mal ein Licht, mal eine Trompete – an sich reißt. Für Markus Brück liegt diese Partie ein wenig zu tief, gegen Ende beginnt er kreativ mit den vorgeschriebenen Tonhöhen umzugehen.

DAVIDS/Christina Kratsch
In „Das Rheingold“ ziehen sich die Flüchtlinge bald aus.

Wotan – Derek Welton ist in dieser Rolle ein verhältnismäßig junger Sänger, der nicht übermäßig charismatisch klingt, aber sehr durchdacht gestaltet – singt den Monolog über die gerade fertiggestellte Burg in der Unterhose und lenkt die sehnsüchtigen Blicke der noch immer halbentkleideten Massen in den Zuschauerraum. Als Fricka vermag Annika Schlicht hier nicht im gleichen Maß zu überzeugen wie in der „Walküre“ – ihre darstellerische Prägnanz verschwindet ein wenig hinter eigentümlich unscharfen Vokalen. Loge ist ein wahrer Mephistopheles, der die Götter mit kleinen Flammenattacken auf Gewand oder Haar erschreckt – Thomas Blondelle, der vor einer Woche im „‚Zigeuner‘baron“ an der Komischen Oper noch leicht enttäuschte, scheint für diese Rolle geboren: Vielfältig nuanciert er seine Stimme in engem Bezug zur außergewöhnlichen Beweglichkeit seines Spiels.

Mime-Wagner in Blau-Weiß 

Den grausigsten Einfall hat Herheim in Nibelheim: Wenn Alberich, nun durch den Ring zum Herrscher über die Nibelungen aufgestiegen, zum ersten Mal den Tarnhelm ausprobiert, wird er nicht auf die naheliegende Weise unsichtbar, sondern indem er in einem Heer von seinesgleichen verschwindet, die zur triumphierenden Brutalität seiner Abtrittsmusik mit Hitlergruß von der Szene marschieren. Donald Runnicles und das Orchester der Deutschen Oper ordnen derlei Extreme einer farb- und detailreichen Interpretation ein, die sehr flexibel auf das rasch wechselnde Bühnengeschehen reagieren kann.

DAVIDS/Christina Kratsch
Der Clown und das Mädchen: Markus Brueck als Alberich und Irene Roberts als Wellgunde.

Für Herheim sind derartige Verweise auf die Rezeptionsgeschichten von Opern typisch. Und er geht noch weiter: Richard Wagner tritt in Gestalt von Alberichs Bruder Mime auf, erkennbar an Barrett und Bart. Dieser Mime-Wagner aber ist ein Unterjochter, und um das überdeutlich zu machen, trägt er den blau-weiß gestreiften Aufzug der KZ-Insassen.

Stefan Herheim ist einfallsreich

Zum einen hat Wagner in der Urfassung des „Siegfried“ eine Beschreibung Mimes gegeben, die er später wieder strich, weil er dabei „seiner selbst mit Schrecken inneward“, wie Theodor W. Adorno vermutete. Zum anderen ist die Darstellung des Antisemiten Wagner im KZ-Kostüm nicht nur eine inspirierte Geschmacklosigkeit, sondern auch ein Statement: „Den Zauber, der ihm“ – dem von Mime gefertigten Tarnhelm – „entzuckt, den Zauber erriet ich nicht recht.“ Kein Künstler weiß, was aus seinem Werk gemacht wird, welcher „Zauber ihm entzuckt“ und auf wen er wie wirkt – in diesem Sinne ist Wagner ein Opfer seiner Rezeptionsgeschichte, die ihn in stärkster und unhaltbarer Deutung zum Vorläufer Hitlers gemacht hat. Das Beispiel zeigt, wie wenig sich Herheims Inszenierung rein auf das Libretto verpflichten lässt, welche Dimensionen dieser unglaublich einfallsreiche Regisseur eröffnen kann.

DAVIDS/Christina Kratsch
Derek Welton (l.) ist in der Rolle des Wotan ein verhältnismäßig junger Sänger.

Vieles indes ist schlicht von spielerischem Übermut eingegeben, in der szenischen Umsetzung ungeheuer virtuos – und macht beim Zuschauen großen Spaß. So kommt der Klavierauszug des Werks vielfältig zum Einsatz: Urmutter Erda – von Judit Kutasi ohne das übliche Beschwörungsraunen gesungen – entsteigt jenem Kasten, in dem die allwissende Souffleuse mit dem Klavierauszug schon weiß, wie die Sache endet. Wotan wird kurz darauf bei der Lektüre des Klavierauszugs auf jenen „großen Gedanken“ kommen, der sich im Schwertmotiv ankündigt und die Handlung der „Walküre“ prägen wird. Angesichts des Reichtums an Bildern und Deutungen, die sich aus dem Null-Bühnenbild eines Flügels auf nacktem Beton entwickelt, muss man Herheims Inszenierung genialisches Potenzial zusprechen.

Weitere Termine und Karten gibt es unter: www.deutscheoperberlin.de