Berlin - Sie sind wütend, weiblich und wollen sich nichts vorschreiben lassen. Nur konsequent, dass die Revolte auch im Bandnamen widerhallt: Martha Kamrath, Svenja Weiß und Blanca Schmid, zusammen Riot Spears, veröffentlichten Ende März ihr erstes Album „Bad“. Die aufmüpfigen, streckenweise verträumten Songs sind natürlich alles andere als das. Das Musikmagazin Visions erkannte im Gesang von Kamrath Anklänge von Courtney Love, Musikblogs jubelten, weil Riot Spears wie die „bissigere Version von Garbage“ (die Rockband um Nirvana-Produzenten Butch Vig) klinge bzw. die Heiterkeit der Libertines (der Rockband um Pete Doherty) heraufbeschwöre. Ganz schön große Namen für drei Newcomerinnen aus Berlin. „Das ist total irre“, kommentiert Schlagzeugerin Blanca Schmid das Debüt. „Seit ich zwölf bin, träume ich davon Musik zu machen – und jetzt ist das Alltag!“

Natürlich steht der Bandname auch für jene feministische Bewegung im Punk Anfang der 90er-Jahre, bei der selbsterklärte Riot Grrrls die Unsichtbarkeit von Frauen in der Szene anprangerten und mit Schlachtrufen wie „Girls to the front“ dafür sorgten, dass Konzertbesucherinnen nach vorne gelassen wurden; so hatte die männlich geprägte Subkultur zumindest einen Gig lang Sendepause.

Der Geist der Riot-Grrrl-Bewegung scheint mit ihrem kritischen, diskriminierungssensiblen Kern aktueller denn je. Neben Riot Spears haben unter anderem die lokalen Bands 24/7 Diva Heaven und Passionless Pointless sowie die Leipziger Gruppe Baumarkt neue Musik veröffentlicht. Ihre Anhängerinnen vernetzen sich – wie damals – über Zines und – wie heute – übers Internet. Dass neben der prominenten Bewegung andere Vorbilder leicht verblassen, ist auch ein Armutszeugnis: „Sobald eine FLINT*-Person dabei ist, heißt es gleich Riot Grrrl, weil es an Umschreibungen und Rollenbildern mangelt“, erklärt Sängerin und Gitarristin Kamrath. FLINT* steht für Frauen*, Lesben, inter, nichtbinäre und Transpersonen und steht als feministischer Begriff für alle, die sich vom Patriarchat unterdrückt fühlen. Männer hätten, so Kamrath, viel mehr Identifizierungsmöglichkeiten, in jedem Genre.

Psychologische Beratung bei Ladies & Ladys 

Es ist kein Geheimnis, dass weiblich gelesene Personen auch in der Sparte Rock unterrepräsentiert sind und dass dies mit einer sexistischen Kultur einhergeht, in der Frauen eher als „Freundin von“ denn als Musikerin wahrgenommen werden. So erlebt haben es ebenfalls die Mitglieder der Band „Wenn einer lügt dann wir“ (WELDW). Irgendwann hatten sie keine Lust mehr auf „biergeschwängerte Flirtversuch-Versprechungen à la ‚Ich bring euch groß raus’”, erzählt Bassistin und Bandmanagerin Johanna Bauhus. Sängerin und Gitarristin Johanna Knoblauch ergänzt: „Gefehlt hat uns eine Gruppe Menschen, die nicht fragt, ob oder wie erfolgreich wir sind, sondern uns als Musiker*innen ernst nimmt“. 2016 gründeten sie mit Bandkollegin Melissa Pfeifer ihr eigenes Label in Münster. Bei Ladies & Ladys setzen sie der männlichen Vorherrschaft eigene Strukturen und Schwerpunkte entgegen. Label-Psychologin Paula Schumm etwa kann beraten, wenn sich aus den oft „eheähnlichen Beziehungen“ zwischen Bandmitgliedern Probleme ergeben oder Selbstzweifel den kreativen Prozess behindern. Dass sie nun Riot Spears vertreten, ist für die Labelbossinnen eine „positive Überraschung“, der Band hätten auch andere Angebote vorgelegen.

Foto: Volkmar Ottto
Riot Spears wollen genauso sichtbar wie ihre männlichen Kollegen sein.

Tatsächlich ist Riot Spears bei der Suche nach einer Plattenfirma strategisch vorgegangen: „Wenn das Label anfängt, die Band als ein Produkt zu betrachten, das es zu vermarkten gilt, dann haben wir ein Problem“, fasst Svenja Weiß das Horrorszenario zusammen, das es zu vermeiden gilt. Das Trio wollte autonom in künstlerischen Entscheidungen bleiben, keine Songrechte abgeben und den Druck vermeiden, Rollenbildern zu entsprechen. Mit Ladies & Ladys fand Riot Spears einen Partner, der ihre Vision teilte: Act und Label haben nicht nur den gleichen Traum von einer gerechteren Welt, sie sind auch gewillt, diese schon heute zu verwirklichen. Riot Spears etwa ist Teil des Bandkollektivs „Bruno ist dagegen“, das mit seinen Konzerteinnahmen humanitäre Projekte unterstützt. Ladies & Ladys bieten ihre Dienste unentgeltlich an. „Für das Vertrauen, die Dankbarkeit, die mediale Aufmerksamkeit, die Musik und die Revolution lohnt sich das“, findet Bauhus.

Fördergelder von der Initiative Musik

Auch Martha Kamrath, Svenja Weiß und Blanca Schmid schrieben selbstbewusst vom „Wiederaufbau der Riot-Grrrl-Bewegung“, als sie sich im vergangenen Herbst für die Fördergelder der Initiative Musik bewarben. Tatsächlich waren gerade sämtliche Konzerte abgesagt worden, ihr Debüt schien in weite Ferne zu rücken. Doch das hehre Ziel kam gut an: Dank der zusätzlichen Bundesmittel im Rahmen des Programms Neustart Kultur wurde Riot Spears gefördert. Die Band finanzierte damit nicht nur ihre Musikvideos im DIY-Stil und die Tonträgerproduktion, sondern zum ersten Mal die Arbeit ihrer Labelkolleginnen. „Es ist ja auch ganz schön, wenn die Kulturbranche nicht für lau schuftet“, so Weiß.

Was die Sichtbarkeit von Frauen und den Sexismus in der Szene angeht, macht sich die Bassistin von Riot Spears indes keine Illusionen: „Erklären oder anschreien bringt keinen Lerneffekt, das müssen die Männer schon selber wollen“. Und bis dahin? „Wir brauchen wertungsfreie Räume und Strukturen, damit wir selbst überhaupt Mucke machen können“, ist Bauhus überzeugt. Erst neulich habe ihr ein Typ gönnerhaft angeboten: „Ich zeig’ dir mal, wie du deinen Song besser spielst.“

Riot Spears: „Bad“ (Ladies & Ladys)