Die Plattenfirma sitzt in Berlin, das Bett steht in Köln und das Herz pocht auf der Tanzfläche eines internationalen Clubs – unter dem glitzernden Schein einer Discokugel, in der Nähe von blinkenden Neonlichtern. Marius Lauber agiert dann entweder hinter oder vor dem DJ-Pult. Er lässt sich treiben von der Masse, beobachtet die Tanzenden, die Feiernden, den Weg der Zerstreuung. Eine Clubnacht ist für den 30-Jährigen inspirierend, erzählt er. Vor allem die Musik, die dort gespielt wird.

Wir treffen Lauber zu einem Videointerview. Anlass ist sein drittes Studioalbum „Polydans“, das auf dem Label City Slang erscheint. Mit seinen vorherigen zwei Alben landete er in mehreren Charts zugleich, bei den ausländischen Musikkritikern ist er beliebt. „Er ist der deutsche Produzent, dessen Disco-Sound aus Manchester, L.A., Ontario und sogar aus dem Weltraum stammen könnte“, hieß es etwa vor acht Jahren in der britischen Tageszeitung The Guardian. Und diese Beschreibung passt noch immer.

Foto: Joseph Strauch
Marius Lauber begann seine Karriere in der Band Beat! Beat! Beat!.

„Polydans“ hat abseits seiner Disco-Ausflüge in die 80er-Jahre und in die weltweiten Städte etwas Galaktisches. In dem Stück „Easy Way Out“ etwa ein Zischen wie aus der Kanone eines Raumschiffes und auch das Geräusch, das man sich vorstellt, wenn man dieses beschleunigt. Lauber untermalt die Töne dann noch mit Synth- und Keyboardsounds, die zu hüpfen und zu strahlen scheinen. Bässe, die pochen, sowie Drums, auf denen dumpf geschlagen wird. Und ehe man als Hörer glaubt, gleich davonzuschweben, setzt seine hohe Stimme und ein kleiner Chor ein, die über all das hinwegfliegen.

In der Panorama Bar im Berghain oder auf dem Lollapalooza

Der Begriff Space Opera fällt einem ein, den Filmexperten etwa in Bezug auf „Star Wars“ nutzen. Doch Lauber lässt sich für seine Arbeit nicht von der Filmwelt oder anderen popkulturellen Gegebenheiten beeindrucken. Ohnehin zählt für den schlaksigen Musiker mit den dunklen Haaren nur das Gefühl, das dabei entsteht. Im Deutschlandfunk Nova wurde er als Nerd bezeichnet, doch Lauber hat eine gute Erklärung für sein Vorgehen: „Ich versuche, eine Tanzfläche zu schaffen. Ich mag es, wenn Leute sich umdrehen und eine gute Zeit haben“, erzählt er. Es gehe nicht darum, sich wie im Rock oder Pop über die Leute zu erheben und als Star darzustellen, sondern die Menschen wie im Club zusammenzubringen. 

Von seinen Live-Qualitäten konnten sich die Berliner schon in der Panorama Bar im Berghain, im Theater der Columbiahalle oder auf dem Lollapalooza überzeugen. Bei Letzteren betrat er mit einer Band die Bühne, griff zum Mikrofon, bewegte sich im Takt. Wie von selbst schien er doch eine Art Rockstar zu spielen. Das kann aber auch an seiner Vergangenheit liegen.

Bevor Lauber als Roosevelt bekannt wurde, spielte er Schlagzeug bei Beat! Beat! Beat!, einer Indierockband aus Viersen, Nordrhein-Westfalen, mit Vorlieben für Shoegaze und Synth-Pop. Sie wurde 2008 von Lauber und drei Schulfreunden gegründet. Zwei Jahre später folgte das erste Album und es gab umgehend Vergleiche mit den britischen Rockern Foals. Doch als Lauber nach dem Abitur nach Köln zog, lockte ihn die elektronische Szene der Stadt an: Er interessiert sich nun für House und Techno, knüpfte dank eines Praktikums Kontakte zu Künstlern des gefragten Musiklabels Kompakt und teilte 2011 ein Studio mit dem Kölner Technopop-Act Coma. 

Verschiedene Blickwinkel auf Dance Music

Diese Einflüsse waren später auf dem 2016 erschienenen Debüt „Roosevelt“ zu hören – Ibiza House, Yacht Rock, Elektropop; Vergleiche mit Caribou und Toro Y Moi fielen und Fans von Beat! Beat! Beat! wie Anhänger des Kompakt-Labels erfreute es. Das zweite Album setzte dann einen deutlicheren Fokus auf Songwriting, House- und Synth-Pop sowie Italo-Disco. „Polydans“ legt wiederum seinen Blick auf die Beats, entfernt sich aber nicht allzu weit von seinem Vorgänger, sondern reiht sich gut ein.

„Die Platte hat viele verschiedene Blickwinkel auf Dance Music“, erklärt Lauber. Es gebe die French-House-Richtung wie in dem Lied „Strangers“ oder etwas Techno mit Drum- und Beat-Machine in „Sign“. „Es ist wieder sehr nah an dem Stil, mit dem ich vor fast schon zehn Jahren angefangen habe.“ Aus dem Club für den Club.

Dass das Album nun während der Pandemie erscheint und so gar nicht in Clubs erlebbar ist, stört ihn interessanterweise nicht. Es sei ein Liebesbrief an die Clubkultur, heißt es in der Pressemitteilung zum Werk, und auch im Interview betont Lauber trocken, dass Musik für sich stehen könne und „kein Mittel zum Zweck“, also ausschließlich für Konzerte da sei. Er habe es zudem vor der Pandemie aufgenommen und nun einfach fertig produziert. In Köln habe er mittlerweile sein eigenes Studio, dort arbeite er zudem für andere und sei somit trotz wegbrechender Livebranche in einer privilegierten Situation. „Ich versuche, das Ganze positiv zu sehen“, sagt er. „Irgendwann wird es ja dazu kommen, dass man wieder alles live erleben kann.“ Bis es so weit ist, sei er im Studio – bereit für die Musik, gedanklich auf der Tanzfläche.

Roosevelt: „Polydans“ (City Slang / Rough Trade) erscheint am 26. Februar. Live am 13. September in Huxley’s Neue Welt; Tickets an allen bekannten Vorverkaufsstellen.