Sängerin Liraz über illegale Aufnahmen: „Die Nerven lagen blank wie im Thriller“

Die israelische Sängerin wollte ihr Album mit einer iranischen Band aufnehmen. Das ging nur in Istanbul, topsecret. Wir haben mit ihr darüber gesprochen.

Liraz, hier beim Berliner Festival Pop-Kultur 2021
Liraz, hier beim Berliner Festival Pop-Kultur 2021imago images/Votos-Roland Owsnitzki

Die neue, dritte Platte „Roya“ von Liraz handelt vom Aufbegehren der iranischen Zivilgesellschaft. Die israelische Sängerin Liraz, deren jüdische Familie einst aus dem Iran nach Israel emigrierte, hat sich musikalische Unterstützung aus dem Iran geholt. Aber da es aus politischen Gründen unmöglich ist, zwischen Iran und Israel zu reisen, fanden die Aufnahmen in Istanbul statt, topsecret, in einem Underground-Studio. Die iranischen Musiker bleiben anonym – zu gefährlich wäre das im Iran, wenn es aufflöge, dass sie mit der israelischen Diva gemeinsame Sache machten. Schon 2018 machten Lieder von Liraz in iranischen Netzwerken die Runde, woraufhin Liraz Videos von Frauen erhielt, die zu Hause, ohne Schleier, zu ihren Songs tanzen. Und zum Tanzen sind sie wahrlich gemacht, diese Nummern, die sich verneigen vor iranischen Dance-Divas der 1970er, etwa Ramesh und Googoosh, samt der markanten Holzlaute Tar. Wir haben mit Liraz vor ihrem Berlin-Konzert über ihre geheime musialische Mission gesprochen.

Liraz, Sie leben in Israel, haben iranische Wurzeln. Ihre neue Platte haben Sie mit einer Band aus dem Iran aufgenommen. Aber Sie konnten sich aus politischen Gründen weder in Israel noch im Iran treffen. Also sind Sie nach Istanbul in der Türkei ausgewichen. Wie kam das?

Alles fing damit an, dass ich begann, auf Farsi zu singen, da ich meinen iranischen Wurzeln nachgehen wollte. Früher habe ich auf Hebräisch gesungen – und auch als Schauspielerin in den USA gearbeitet. Aber ich spürte da eine gewisse Leere in mir, da ich gerne mehr darüber wissen wollte, wo ich herkomme. Unglücklicherweise darf ich als Israelin nicht in den Iran reisen. Schon mein erstes Album machte die Runde im Iran. Überraschenderweise. Dadurch haben sich viele Leute aus dem Iran bei mir gemeldet, etwa über Instagram. Sogar Freundschaften sind daraus entstanden, besonders mit Künstlerinnen. Fürs zweite Album habe ich dann schon mit einigen insgeheim zusammengearbeitet, online. Ich fühlte mich ihnen sehr verbunden und wusste: Eines Tages möchte ich die in echt treffen. In solchen Momenten vergisst man die politische Lage und träumt.

Und wie sind Sie das dann angegangen, die iranischen Musiker zu treffen?

Es war topsecret und emotional aufwühlend. Direkt die erste Frau, die ich gefragt hab, hat zugesagt. Sie meinte: „Das wird das Mutigste, was ich jemals getan habe, ich bin dabei.“ Das hat mich angespornt, auch die anderen zu fragen. Manche sprangen aber auch wieder ab, verständlich.

Aus Angst vor dem Regime?

Natürlich. Auch ich hatte Angst. Als das Treffen feststand, waren wir alle ganz euphorisch. Aber als wir dann alle zum Flughafen fuhren, ich in Israel, sie im Iran – da lagen die Nerven blank. Als wir im Studio in Istanbul ankamen, fühlte ich mich fast wie in einem Spionage-Thriller. Plötzlich kamen Gefühle auf wie: „Oh je, warum machen wir das bloß?!“ Aber selbst als unser Furcht-Level hoch war, waren wir auch high, aus Freude. Und als wir dann im Studio spielten, meine israelische Band und die Band aus dem Iran, vergaßen wir die große Politik. Wir waren zehn Tage lang im Studio. In einem Keller ohne Tageslicht.

Wie kommt man im Iran überhaupt an Ihre Musik ran?

Keiner meiner Songs ist dort offiziell erhältlich. Und es gibt dort auch viele der Plattformen nicht, die wir haben. Ich poste aber immer wieder mal auf Instagram. Wenn mich dort Leute aus Iran anschreiben, die nicht an meine Songs gelangen, schick ich ihnen die Dateien zu. Und ich habe auch meine eigene Telegram-Gruppe. Darüber bin ich auch mit Leuten aus dem Iran in Kontakt.

Wie reagieren Menschen aus dem Iran auf Ihre Musik? Ich habe gelesen, iranische Frauen haben Ihnen Home-Videos zugeschickt, in denen sie ihre Schleier ablegen und zu Ihrer Musik tanzen.

Als ich  Videos davon sah, dass Menschen im Iran meine Musik bei Hochzeiten oder anderen Partys spielen, wurde mir klar, dass es da nicht mehr nur um mich geht. Und dass sie nun meine Musik auch für Protestvideos verwenden – krasse Sache! Das erfüllt mich mit großer Freude, aber auch mit Trauer. Ich wünschte, sie könnten einfach unbefangen zu meiner Musik tanzen und frei sein. Mein Traum wäre: Dass wir irgendwann zusammen tanzen können in Teheran, furchtlos.

Mit Israel und Iran in Frieden?

Ja, vor allem sollen diese Frauen ihre Freiheit bekommen. Wenn die Mullahs und das Regime nichts mehr zu melden haben, können wir uns treffen. Ich habe schon in meinen frühen Songs darüber geschrieben, dass Frauen die Revolution anführen werden. Dass sie den Mut haben werden, den Wandel herbeizuführen. Und nun geschieht es auch. Natürlich ist das keine Frage von Wochen, sondern ein langer Prozess. Aber nun redet auch die Welt darüber.

Als Sie das Album aufnahmen, war das ja noch vor den aktuellen Protesten.

Ja, wir konnten nicht ahnen, dass das schon so bald geschehen würde. Dass diese mutigen Ladys nun auf den Straßen protestieren für eine bessere Welt. Nun bin ich noch enthusiastischer, was das Album angeht. Wenn mir Journalisten nun politische Fragen stellen, kann ich das gut nachvollziehen. Letztlich bin ich doch aber nur eine Musikerin, die daran glaubt, dass Kunst von Bedeutung ist und sein sollte, gesellschaftlich.

Wie kam das eigentlich, dass Sie sich auf iranische Musiktradition aus den 1970ern beziehen?

Ich interessiere mich sehr für traditionelle iranische Musikinstrumente. Und für die psychedelische Musik aus dem Iran. Aus den 1970ern. Ich folgte also im Netz iranischen New-Age-Musiker:innen, die die Tar mit elektronischen Klangschichten kombinieren. Wenn man erst mal zehn, fünfzehn solcher Leute folgt, hat man schnell Kontakt zu hundert. Ich habe jahrelang ihre Musik studiert. Und mit ihnen auf Messengern geschrieben.

Wie hat Ihr Umfeld auf die Zusammenarbeit reagiert?

Mein Manager meinte: Am Ende wird doch niemand, der die Platte hört, bemerken, ob das israelische oder iranische Musiker sind. Ich meinte zu ihm: Für mich spielt es aber eine Rolle, und ich möchte das so machen. Dann blitzten aber schon Gedanken auf wie: Ohje, wir brauchen dann Security-Leute. Ich hatte Sorge um die Band aus Iran und wollte sie zu nichts drängen. Aber es wurde klar, dass sie auch an dieses Projekt glauben und es so wollen.

Gab es in Israel Kritik daran, dass Sie mit Menschen aus dem Iran zusammenarbeiten?

Ich schwöre bei Gott: nein, überhaupt nicht! Das israelische Volk liebt Iran, und umgekehrt ist es auch so. In den 1970ern gab es exzellente Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Kulturell und wirtschaftlich, aber auch zwischenmenschlich. Trotz der strengen religiösen Regeln nun sind viele Menschen im Iran innerlich sehr aufgeschlossen. 

Was können wir beim Berlin-Konzert erwarten?

Auch wer kein Farsi versteht, wird, glaube ich, den Vibe der Freiheit spüren. Und da auch viele Menschen in Europa das Thema Iran gerade sehr auf dem Schirm habe, muss ich gar nicht groß erklären, um was es in unserer Musik geht. Aber natürlich singe ich von Freiheit. Mir war immer klar, dass Frauen die Revolution stemmen werden. Und sie tun es ganz fantastisch.

Ihre Musik lädt ja sehr zum Tanzen ein. Was bedeutet es Ihnen, zu tanzen?

Mit einem Wort: Freiheit. Ich folge einigen Gruppen aus dem Iran, und einige Frauen haben ihre Schleier während der letzten 15 Jahre immer wieder abgelegt, tanzend. In der Lage zu sein, auf den Straßen zu tanzen – wie wunderschön ist das denn?! Diese Revolution ist vielleicht die erste, die ihre Kraft auch aus dem Tanz zieht.

Liraz: „Roya“ (Glitterbeat Records). Konzert: Gretchen, Obentrautstraße 19, Donnerstag, 3.11., 20 Uhr, VVK 19 Euro